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Der Jugendroman „Luke und Jon“ von Robert Williams : Wo der Schmerz sein Recht einbüßt

  • -Aktualisiert am

Bild: Berliner Taschenbuch Verlag

Ein Unfall erschüttert eine Familie, Freundschaft und Kunst helfen: „Luke und Jon“ von Robert Williams, der Roman zweier Jungen, die durch großes Unglück zu Freunden und sogar Brüdern werden, ist nüchtern und lakonisch erzählt.

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          Depression, Armut, Gewalt, Sucht: Das sind die Themen dieses Romans. Warum sollen ihn Jugendliche und Erwachsene eigentlich lesen? Um den nächsten Rundgang durch die Kulissen einer Elendswelt zu machen, vor der man sich mit etwas Sicherheitsabstand wohlig gruseln kann?

          „Luke und Jon“ ist keine Hollywoodstory, aber auch kein britisch-augenzwinkerndes Sozialdrama. Der Roman zweier Jungen, die durch großes Unglück zu Freunden und sogar Brüdern werden, ist nüchtern und lakonisch erzählt. Er besticht mit einer Haltung, die man am besten als Gefasstheit beschreibt: Hier reißen sich die Opfer einer familiären Katastrophe zusammen, nicht im Dienst hehrer Ideale, sondern weil man gerade die schlimmsten Situationen nur mit Pragmatismus und Menschlichkeit übersteht.

          Solche Fragen können eine Familie zermalmen

          Lukes Mutter stirbt bei einem Autounfall; der Vater, ein Spielzeugmacher, versinkt im Groll. Man muss wegziehen, in ein Industriekaff im Norden, das neue Haus ist eine Bruchbude. In der Schule gerät Luke an Jon, ein Jüngelchen, das von allen gemobbt wird und bei den grenzdebilen Großeltern lebt.

          Jon hält das häusliche Elend geheim, weil er weiß, dass ihn das Jugendamt sonst in ein Waisenhaus verfrachtet. Luke muss zu Hause seinem Vater beim Trinken und Brüten zuschauen: War der Unfall seiner Frau ein Selbstmord? Schließlich war sie schwer manisch-depressiv, hatte außerdem ihre Medikamente abgesetzt. Solche Fragen können eine Familie zermalmen, und Robert Williams lässt seine Figuren konsequent dort einen Ausweg finden, wo sie zu Hause sind: nicht in der vom Thatcherismus verwüsteten Industrieregion, sondern in der Gegenwelt der Kunst. Lukes Vater baut ein riesiges, sich aufbäumendes Holzpferd, das er mitten im Wald plaziert - eine Figur, die Spaziergängern zufällig erscheinen soll wie ein mythisches Untier. Luke malt Bilder von Steinen und Mauern, eine Aufladung der Ödnis mit Bedeutung und Schönheit. Und Jon, ein kleiner Privatgelehrter des Kuriosen, flieht in die Lektüre obskurer Bücher.

          Den Tod kann man nicht schönreden

          Skulpturen, Bilder, Texte: Sie sind hier nicht die Insignien bürgerlichen Kunstgeschmacks, sondern eine konkrete Praxis, sich gegen die Verzweiflung zu stemmen. Und sie stiften Gemeinsamkeit. Jeden Tag referiert Jon seine Lesefrüchte, die Jungen helfen dem Vater beim Bau des Pferds. Dazu verwandelt sich das heruntergekommene Domizil von Luke in ein Zuhause, in dem ein Familiemitglied zwar auf immer verloren ist, ein neues aber begrüßt werden kann.

          Den Tod kann man nicht schönreden, und niemand kann einen anderen ersetzen. „Wenn es wirklich so passiert ist“, sagt Luke, „in einem Sekundenbruchteil, wie sie bei der Untersuchung behaupteten, dann war es gut. Es hätte nur einen Sekundenbruchteil sechzig Jahre später sein sollen, das ist alles.“ Daran ist nicht zu rütteln. In den Konstellationen aber, die sich aus dem Leid ergeben, entsteht die Kraft, den Schmerz nicht zu betäuben, sondern auszuhalten. So ist dieses Debüt ein Dokument der Hoffnung und Tapferkeit.

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