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Jugendroman von Antje Herden : Der Kick schien es wert

Antje Herden: „Keine halben Sachen“. Roman. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 144 S., br., 12,95 Euro. Ab 14 J. Bild: Beltz & Gelberg

In Antje Herdens „Keine halben Sachen“ experimentieren ein Junge und sein dubioser Freund mit Drogen. Wer ist dieser Leo, und was will er?

          2 Min.

          Die Geschichte vom falschen Freund kennt jedes Kind, aber noch besser kennen sie die dazugehörigen Väter und Mütter, schließlich handelt es sich um eine der ureigensten familiären Angstvorstellungen: das eigene Kind an einen Verführer, einen in zwielichtigen Kreisen verkehrenden Unbekannten zu verlieren, der es, ohne dass sie eine Ahnung davon hätten, in die Selbstzerstörung lenkt. Auf dessen Locken hin es sich auf ewig verliert.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Außenseiter Robin trifft in „Keine halben Sachen“ auf einen dieser falschen Freunde, einen weniger zwielichtigen, dafür umso selbstsichereren Einzelgänger mit dunklem Kapuzenpulli und der Frisur, die Robin gern hätte, der selbstgedrehte Zigaretten raucht und auf einmal direkt neben ihm sitzt, ohne etwas zu sagen. Leo kommt, natürlich, aus Berlin, er trinkt Alkohol und isst Gemüsedöner, und obwohl sich Robin, der sich nirgendwo hundertprozentig richtig fühlt, gern über die übertrieben lässige Art dieses Unbekannten empören würde, obwohl man fürs Kiffen von der Schule fliegen kann, möchte er unbedingt sein Freund werden. Zu ihm spricht er, wenn er seine Geschichte erzählt, er ist das „Du“, dem er alles offenbart.

          Bis diese Geschichte jedoch Fahrt aufnimmt, muss Robin erst viele Joints rauchen und Speed nehmen und einem gefährlich schönen Mädchen begegnen und sich Gedanken machen, die sich kein Fünfzehnjähriger je so machen würde: „Natürlich kannte ich das Dafür und das Dagegen. Wie blind und ignorant musste man sein, um das nicht zu kennen.“ Vor dem ersten Joint rinnt Verheißung durch seine Adern. Das bevorstehende Unheil denkt der Erzähler immer gleich mit, so klingt die Unvernunft wider besseres Wissen: „Der Kick schien es wert“. Als genüge seine Erfahrung nicht.

          Ein Körper, der nicht mehr gehorcht

          Dann aber nimmt die Geschichte doch noch Fahrt auf. Über Drogenerfahrungen zu schreiben ist nicht einfach: Wer es erlebt hat, dem scheint es unbeschreiblich, wer nicht, hat keine Vorstellung davon, und dass es sich um die Erfahrung eines Jugendlichen handelt, der sich keiner literarischen Referenzen bedienen will und kann, macht das Erzählen nicht leichter. Bei Antje Herden klingt es so: „Nach dem Kribbeln fuhr mir kurz eine kalte Hand die Wirbelsäule hinunter, dann war da nichts weiter als Ruhe. Ich sah, ich schaute, ich hörte, und hin und wieder sagte ich etwas, während Leere mich erfüllte.“ Und das reicht völlig aus.

          Bei allem Drama finden sich auch skurrile, selbstironische Beschreibungen auf diesem Weg ins Abseits: Robins LSD-Erlebnis im Wald etwa artet zum Horrortrip voller irrwitziger Beobachtungen aus: In tiefer Dunkelheit sitzend, sieht Robin die Sterne auf sich zufallen, beobachtet das pochende Netzwerk der Bäume und kämpft mit seinem Körper, der seinen Befehlen nicht mehr gehorcht. „Ich entwickelte den klugen Plan, mich ganz plötzlich – ohne nachzudenken – aufzusetzen. Ich wollte mich und vor allem meine Arme austricksen.“ Er findet seine Arme schließlich verschränkt hinter seinem Kopf.

          Leidensgeschichte in neuem Licht

          Leo ist es, der ihn aus dem Albtraum des Waldes befreit, aber es ist zu spät, Robin will bis zum Äußersten gehen. Wenn sie ihm keinen Widerstand leiste, wirft er seiner überforderten Mutter vor, dann müsse er tiefer gehen und ihr Schmerzen zufügen, und das tut er dann auch, bevor er selbst an der Reihe ist.

          Dass am Ende der Abwärtsspirale noch eine Wendung lauert, die Robins Leidensgeschichte in ein gänzlich neues Licht rückt, ist ein Zeichen von erzählerischer Raffinesse. Und es tut der erlebten Welt gut, erweitert sie um eine Ebene, die auch dem berichtenden Helden eine neue Farbigkeit und Präsenz gibt, die auf einmal alles viel klarer erscheinen lässt. Der Rausch ist vorbei, das Schlimmste überstanden, jetzt fügt sich alles zu einem stimmigen Zusammenhang. Oder? Wäre da nicht der unergründliche Geist eines jeden Erzählers.

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