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Der Jugendroman „Crank“ von Ellen Hopkins : Ich ist ein anderer Kontinent

Bild: Carlsen

Es beginnt mit einer Linie Koks und führt zu Diebstahl, Vergewaltigung und einer Schwangerschaft: Für Verwandlung und Verfall ihrer jungen Heldin hat die Autorin Ellen Hopkins in ihrem Drogenepos „Crank“ eine ungewöhnliche Form gefunden.

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          Pubertät ist ein viel zu sachliches Wort für diese gefährliche, aufregende und anstrengende Phase, in der ein Leben sich verschiebt wie die Kontinente, nur eben rasend schnell: Alles ist irgendwie da, aber wo eben noch ein Meer war, sind jetzt Berge, Ausformungen des Selbst, uneben, schroff, erstaunlich. Manche experimentieren in dieser Zeit mit Aliassen, um diese Wandlungen zu benennen und sind dann bei der zwanzigsten Abiturfeier immer noch „Winzi“ oder „Bär“.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Kristina, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, hat zwischen ersten Küssen und letzten Fahrstunden nicht nur ein paar Bier zuviel und einen Spitznamen. Und vielleicht ist sie beim Abitur gar nicht mehr dabei. Denn auch wenn es wieder ganz gut ausschaut am Ende von Ellen Hopkins’ „Crank“, ist offen, ob Bree, jenes coole, wilde neue Mädchen, das eines Tages als alter ego der braven Kristina auftaucht, wieder verschwinden wird. Und ob Kristina es schafft, diese mordsmäßige Kontinentalverschiebung zu überleben.

          Genug Raum für den eigenen Reim

          Kristina wird zu Bree, wenn sie dem „Monster“ nahe kommt. Das Monster ist Methamphetamin, Crystal, Ice, in den Vereinigten Staaten auch „Crank“ genannt. „Crank“ ist billig herzustellen, eine beliebte Teenager-Droge in aller Welt. Und es macht im Handumdrehen süchtig und krank. Kristinas Entdeckung, „der irrste Ort, an dem ich je gewesen war, befand sich in mir selbst“, kostet einen hohen Preis. Hopkins’ Drogenepos „Crank“ ist schon vor sechs Jahren in den Vereinigten Staaten erschienen, ein Bestseller am wachsenden Markt der Romane für junge Erwachsene. Mit dessen Dutzendware hat „Crank“ nichts zu tun. Was daran liegen könnte, dass Hopkins’ eigene Tochter das Vorbild für Kristina ist. Dieser Tage ist der letzte Teil der Kristina-Trilogie im Original erschienen.

          Der Versuch, darzustellen, wie ein junges Mädchen, das im Grunde recht behütet aufwächst, süchtig wird, und wie sich Rausch und anschließende Depression anfühlen, hat die Sachbuchautorin eine ungewöhnliche Form finden lassen: Sie schreibt in freien Versen, in einer hochgradig künstlichen, oft auch kunstvollen Sprache. Fast jede Textseite ist dabei ein Kapitel im rasend schnellen Abstieg Kristinas und zugleich ein Bild, konkrete Poesie.

          In dieser Form sind Kristinas Hader mit ihrer Familie, Sehnsüchte und Liebeskummer, ihr Versuch, vernünftig zu sein, genauso aufgehoben wie die Lockrufe der dämonischen Bree und die vielen entsetzlichen Episoden eines rasend schnellen Verfalls, der mit einer Linie Koks beginnt und zu Diebstahl, Vergewaltigung und einer Schwangerschaft führt. In herkömmlicher Prosa könnte das zu drastisch wirken, oder wie vom Moralapostel gepredigt. Die weiße Fläche um die schwarzen Verse aber lässt genug Raum für den eigenen Reim. Ob das wirklich eine ganze Serie trägt, ohne manieriert zu wirken oder doch irgendwann zu langweilen, ist zwar fraglich. „Crank“ aber gelingt es in der ungewöhnlichen Form, die Wucht dieser Ich-Verschiebung und die Macht des „Monsters“ Droge zur Sprache zu bringen. Mit allen Tiefen, aber auch allen, vermeintlichen, Höhenflügen.

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