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Der Jugendroman „Being“ von Kevin Brooks : Pubertät reicht wohl nicht?

  • -Aktualisiert am

Bild: dtv

In „Being“ plagt Kevin Brooks das Kunstgeschöpf Robert nicht nur mit übelwollenden Agenten, sondern auch noch mit den Gefühlen eines ganz normalen, pubertär geplagten Teenagers. Auf den zweiten Blick hält der Jugendroman nicht, was er verspricht.

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          Es beginnt mit einem Horrorszenario. Der siebzehnjährige Robert wacht mit aufgeschnittenem Bauch und unsäglichen Schmerzen während einer Operation auf, unfähig, sich zu bewegen. Er war für eine Magenspiegelung ins Krankenhaus gekommen, auf das, was er sieht, war er nicht gefasst: Drähte, eine metallene Flüssigkeit, Schaltkreise, ein Panzer - all das ist in ihm drin.

          In „Being“ bedient sich der ungemein produktive, gerade für „The Road of the Dead“ (siehe auch: Brooks, Kevin: The Road Of The Dead) mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Autor Kevin Brooks beim Motivinventar der Science-Fiction-Szene. In diesem Fall: die Angst davor, ein unorganisches Ding zu sein, das von Agenten gejagt wird und in Zeiten totalitärer Überwachung jedem misstrauen muss. Gleichzeitig zeigt Brooks mit dem Kunstgeschöpf Robert einen ganz normalen, pubertär geplagten Teenager: ohne Ziel und Plan, ohne eine Vorstellung davon, wer und was er ist. Und seine Gefühle zu der Ausweisfälscherin Eddi hat er schon gar nicht unter Kontrolle.

          Bahnbrechend neu ist das Thema dieses Jugendbuches nicht, spannend aber allemal. Dass Brooks bei Lesern und Kritikern so geschätzt wird, liegt zum einen an der glaubhaften Atmosphäre seiner Texte, zum anderen an seiner zugleich authentischen und experimentellen Sprache. Das ist in „Being“ nicht anders. Der Bewusstseinsstrom der Figurenrede steigert das Tempo und zieht den Leser in das Gefühlschaos des Protagonisten. Auch die Aneinanderreihung der sich ähnelnden, immer wiederkehrenden Fragen gibt als Déjà-vu die Gefühlslage Roberts von Verfolgungsangst und schmerzhaften Erinnerungen eindrucksvoll wieder.

          Ein uneingelöstes Versprechen

          Dass der Roman vom Verlag als „surrealer Thriller mit Tiefgang“ angepriesen wird, liegt nah. Die Wirklichkeit wird unaufhörlich in Frage gestellt, die existentiellen Notlagen des Protagonisten gehen unter die Haut. Auf den zweiten Blick hält der Text jedoch nicht, was er verspricht. Die oberflächliche Figurenzeichnung - das Waisenkind Robert bleibt nahezu charakterlos, Eddi ist lediglich eine Projektionsfigur zahlreicher Klischees - versperrt den Zugang zu einem tiefer gehenden Verständnis. Roberts Behauptung „Ich fühle, also bin ich“ reicht da nicht aus. Dass Robert ein Sein zukommt, wissen wir - was er ist, verspricht der Roman zu klären, ohne dies auch einzulösen.

          Auch die Gewaltzirkel, ein weiteres Markenzeichen des Autors, scheinen zunächst zu der authentischen Sprache seiner Figuren zu passen. An einer Auseinandersetzung mit real existierender Gewalt kommt kein Jugendlicher herum. Hier allerdings fehlt die Reflexion: Eddi verdrängt ihre Taten, Robert aber, der das Buch über von einem Gefühlschaos ins nächste stürzt, zeigt gerade beim Töten keine Emotionen, und auch danach ist ihm jede Reue fremd. Es irritiert, dass dieser interessante Punkt - Robert wird beim Töten tatsächlich zur Maschine - so nebensächlich bleibt. Das Fühlen wird betont, das Nichtfühlen ignoriert.

          „Ich war leer“, sagt Robert gegen Ende. So könnte sich auch ein Text beschreiben, der vielversprechend beginnt und kraftlos endet.

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