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Dürre in Kalifornien: Das Camanche Reservoir enthielt im April 2015 kaum mehr als ein Viertel der sonst gespeicherten Wassermenge. Bild: Picture-Alliance

Jugend-Thriller „Dry“ : Entweder du wirst Schaf oder Wolf

Was, wenn nach all den „Jahrhundertsommern“ das Wasser wegbleibt? In ihrem Jugend-Thriller „Dry“ schildern Neal und Jarrod Shusterman, wie schnell nicht nur die Zivilisation bröckelt, sondern auch die Humanität.

          3 Min.

          „Weltuntergangsszenarien machen nur Spaß, solange der Weltuntergang theoretisch ist.“ Toller Satz. Zumal im Kopf von Kelton, Sohn einer Prepper-Familie, der gerade in einem Konflikt zwischen den elterlichen Wünschen und dem eigenen Anliegen, Alyssa zu helfen, steckt. Sie sind an sich schon ein kurioses Team, zusammengewürfelt vom Schicksal. Die Geschwister Alyssa und Garrett, sie 16, er zehn. Dann Kelton, so alt wie Alyssa und praktisch sein Leben lang in diese unerreichbare Nachbarstochter verliebt. Er ist dank seines nicht gerade linksliberalen Vaters seit Jahren darauf getrimmt, den Ernstfall zu erkennen und dann das mühselig über Jahre aufgebaute Schutzsystem hochzufahren – aber nur für sich und ein paar Auserwählte. Alyssa hingegen ist das soziale Gewissen in Person. Zusammen stoßen sie auf Jacqui, eine hochbegabte Psychopathin, die seit Jahren in Ferienhäuser der Reichen einsteigt und nach ein paar Tagen weiterzieht. Ein Leben unter dem Radar - genau das Gegenteil dessen, was Henry sucht. Der trainiert, so jung er ist, darauf, der bestmögliche Kapitalist zu werden. Und am Ende ist er nicht nur skrupellos und reich, sondern auch berühmt. Klingt wie ein Klischee? Ist auch eines. Wie so viel in „Dry“.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der amerikanische Bestsellerautor Neal Shusterman, international bekannt unter anderem für die düsteren Zukunftsserien „Scythe“ und „Vollendet“, Geschichten, in denen die Menschheit für die vermeintliche Perfektion ihrer selbst unter anderem aufmüpfige Jugendliche zur Organausschlachtung freigibt, hat sich diesmal einer deutlich näherliegenden Frage gewidmet: Was, wenn nach all den „Jahrhundertsommern“ das Wasser wegbleibt?

          Neal und Jarrod Shusterman: „Dry“. Roman. Aus dem Englischen von Kristian Lutze und Pauline Kurbasik. Verlag FischerSauerländer, Frankfurt am Main 2019. 448 S., br., 15,– Euro. Ab 14 J.

          Shusterman, 1962 in New York geboren, lebt in Südkalifornien. Hier herrschte fast ein Jahrzehnt lang eine außergewöhnliche Dürre bei viel zu hohem Wasserverbrauch, gefolgt von einer Saison verheerender Waldbrände. Hier spielt auch „Dry“, aber angesichts des Klimawandels muss man sich nicht nur Kalifornien denken für das Szenario, das Neal Shusterman, erstmals gemeinsam mit seinem Sohn Jarrod, entworfen hat. Und angesichts des Interesses so vieler Jugendlicher an der Erderwärmung und ihrer Forderungen, endlich tiefgreifende Veränderungen einzuleiten, trifft „Dry“ den Nerv der Zeit. Ganz abgesehen davon, dass aktuelle gesellschaftliche Fragen anklingen, von Populismus über Chancengleichheit bis Rassismus.

          Im Fernsehserien-Jargon

          „Tap-Out“ nennen die Behörden das Abstellen des Wassers von einer Minute auf die andere. Kalifornien droht zu verdursten, weil die Nachbarstaaten Arizona und Nevada den Ablauf ihrer Stauseen gesperrt haben. Dass einfach so in einer Föderation wie den Vereinigten Staaten eine solche Entscheidung gefällt werden könnte, ist zwar ein eher unglaubwürdiger Beginn, aber egal. Die Shustermans entwickeln, Kapitel für Kapitel jeweils die Erzählperspektive eines der fünf Helden einnehmend, ein Bild von dem, was passiert, als die Menschen begreifen, dass keine Hilfe kommt. Und das nimmt sich leider gar nicht abwegig aus: Aus Nachbarn werden in der Gluthitze des Sommers rasch „Wasserzombies“, die einander umbringen für den letzten Schluck.

          Wie rasend schnell nicht nur die Zivilisation bröckelt, sondern auch die Humanität, schildert der Roman packend in einprägsamen, oft schauderhaften Szenen, immer aus dem Erleben der fünf Jugendlichen, die versuchen, in den mit Vorräten gefüllten Bunker zu gelangen, den Keltons Vater schon vor Jahren in der Wildnis eingerichtet hat. Sie erleben Mord und Gier, ständig zu eigenen moralischen Entscheidungen gezwungen. Denn rasch wird klar, dass die These von Keltons Familie so gut wie immer stimmt: Im Katastrophenfall werden die Menschen entweder zu Schafen oder zu Wölfen. Nur wenige sind beides – und auf dieser spannungsvollen Grenze balanciert die kleine Notgemeinschaft, jeder für sich.

          In grafisch abgehobenen „Snapshots“ erfährt der Leser, was sich unterdessen in anderen Gegenden zuträgt, wie die Medien reagieren, was andere Leute tun. Denn es gibt auch die selbstlosen Helfer, wie die alte Dame Charity, die plötzlich für die anderen genau das wird: eine Mutter Caritas inmitten des Chaos. „Das Feuer in ihren Augen lodert heißer als jedes irdische Inferno“ heißt es über sie, und das ist leider der Stil, der in „Dry“ gepflegt wird: Ein düsterer Unterhaltungsroman im Fernsehserien-Jargon, dem sprachliche Eleganz nicht sonderlich wichtig ist angesichts der guten Story. Jenseits davon liefert „Dry“ aber genug Gedankenfutter, gerade weil die Dystopie der Shustermans am Ende doch keine vollständige ist. Noch.

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