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„Atlas der literarischen Orte“ : Auch dieser junge Zauberer trägt eine Narbe

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Cris F. Oliver, Julio Fuentes: „Atlas literarischer Orte“. Aus dem Spanischen von Janika Krichtel. Knesebeck Verlag, München 2019. 128 S., Abb., geb., 18,– Euro. Ab 10 J. Bild: Knesebeck

Wo strandet Gulliver? Und wo liegt eigentlich Phantásien? Der „Atlas der literarischen Orte“ von Cris F. Oliver und Julio Fuentes kennt die Antwort.

          Auf der Suche nach Kafkas Dämonen durch Prag, mit Thomas Mann den Zauberberg in den Schweizer Bergen hinauf, auf den Spuren von James Joyce durch die Pubs von Dublin: Die beliebten „literarischen Reisen“ folgen der Sehnsucht, in der realen Welt die Vorstellungen und Orte zu suchen, die sich beim Lesen gebildet haben. Die Literaturwissenschaft geht einen Schritt weiter und hat sich, womöglich aufgerüttelt von überraschend unpräzisen literarischen Angaben wie Goethes „irgendwo im Kanton Uri“ (im Singspiel „Jery und Bätely“) gemeinsam mit Kartographen darangemacht, den Forschungszweig der Literaturgeographie zu begründen und der Sache mit raumtheoretischen Überlegungen und statistischen Methoden auf den Grund zu gehen.

          Radikaler noch erscheint der Ansatz der spanischen Autorin Cris F. Oliver, einen „Atlas literarischer Orte“ vorzulegen, der diese nicht in der Realwelt aufspürt, sondern in die Literatur hineinführt. An dreißig Orte führt der Atlas mit knappen Zusammenfassungen des Geschehens, Reisetipps für die fiktive Welt und weiter gehenden Hinweisen und Informationen: Zeitlich, hinsichtlich des Erstdrucks, geht es von „Gullivers Reisen“ aus dem Jahr 1726 bis zum aktuellen „Eleanor und Park“ von 2013. Gezaubert wird in „Harry Potters“ Hogwarts oder auf dem Archipel Erdsee – und der doppelbödige Hinweis fehlt nicht, es gäbe interessante „Parallelen“ zwischen der Zauberersaga, die das Genre „Zauberschule“ begründete, und dem dreißig Jahre später erschienenen „Harry Potter“: „Wie Harry ist der Protagonist von ,Der Magier der Erdsee‘ ein jugendlicher Zauberer und besitzt eine Narbe, die ihm sein Erzfeind zugefügt hat und die ihm Schmerzen bereitet, wenn dieser in der Nähe ist.“

          Lebensgefahr droht fast überall, in „Game of Thrones“ ebenso wie inmitten der rivalisierenden Kindergruppen auf der Pazifik-Insel des „Herrn der Fliegen“ (als Reiseziel geeignet für den „Entdecker, der sich für Psychologie interessiert“, so Oliver) oder in Narnia, wo die Weiße Hexe ihre Gegner in Stein verwandelt. Es fehlt nicht die Anleitung zum Kampf gegen sie: eine Armee aus Riesen, Wölfen, Baumgeistern, Dämonen, Ogern, Geistern, Minotauren, Zauberern, Gespenstern und Pilzen rekrutieren und auf in die Schlacht zu den zwei Hügeln im Norden.

          Alles erscheint, wie gute Literatur sein sollte

          Der Atlas führt an phantastische Orte wie Peter Pans Nimmerland oder das Wunderland von Alice, ins Weltall zum Asteroiden B 612, dem der Kleine Prinz entstammt, in die fernere Vergangenheit von Jane Austen oder in die Zukunft wie das Panem der grausamen Hunger-Spiele – und bietet manchmal gar beides in einem: Orwells Dystopie „1984“, das zum Zeitpunkt seines Erscheinens ein schreckliches London 35 Jahre in der Zukunft skizzierte, während es für heutige Leser 35 Jahre in der Vergangenheit liegt und dennoch von seiner alarmierenden Hellsicht nichts eingebüßt hat. Als vor zwei Jahren öffentlich über Donald Trumps „alternative Fakten“ – eine Formulierung seiner Beraterin – debattiert wurde, fühlten sich Kommentatoren an die Phrasen und Manipulationstechniken von „Neusprech“ und „Doppeldenk“ erinnert. Die Verkaufszahlen von Orwells „1984“ stiegen stark an. Das alles mag zu seiner Aufnahme in den „Atlas literarischer Orte“ geführt haben, wo er etwas unverbunden zwischen literarischen Orten erscheint, die in der Bibliothek im Regal der Kinder- und Jugendliteratur zu finden sind.

          Die Nonchalance, mit der die Frage der Auswahl und ihrer Kriterien behandelt wird, beeindruckt ohnehin: Die Einleitung umfasst vier und eine halbe Zeile und verspricht „phantastische Welten“ und dass der Atlas zugleich als „Reiseführer“ dienen wolle. Mit keinem Wort verrät sie hingegen, warum welches Buch und welcher Ort aufgenommen wurden, andere hingegen, von Lummerland über die Scheibenwelt bis Entenhausen, nicht vorkommen. Unterteilt sind die literarischen Orte in „fern“ und „nah“: Das London von Orwells „1984“ ist fern, das von Sherlock Holmes nah; phantastische Orte wie Narnia oder Phantásien sind fern, als nah gelten Pippi Langstrumpfs Villa Kunterbunt, Batmans Gotham City oder das Camp „Half-Blood“ der Halbgötter um Percy Jackson. Das alles erscheint, wie gute Literatur sein sollte: zuweilen rätselhaft.

          Im Handumdrehen ist man verlobt

          Den Reiz des großformatigen, aufwendig gestalteten Bandes schmälert das kaum. Zu jedem literarischen Ort bietet er eine eindrucksvolle, blau-rote Karte des Illustrators Julio Fuentes mit Beschriftungen in Flaggenoptik. Cris F. Oliver hütet sich, in ihren Buchhinweisen zu viel vom Inhalt zu verraten: Sie regt damit zum Lesen – neu oder wieder – an, und zwar mit Witz und zusätzlichem Wissen. Man erfährt nicht nur, wie man zu Jule Vernes Mittelpunkt der Erde kommt, sondern auch, wie sehr der „Goldene Kompass“ und der „Herr der Fliegen“ mit der Zensur zu kämpfen hatten; oder wie Rick Riordon darauf verfiel, in seiner Percy-Jackson-Reihe die Wahrnehmungsprobleme der Halbgötter in der profanen Welt als ADHS-Phänomen zu erklären: Die Heldenabenteuer hatten ihren Ursprung in Geschichten, die Riordon seinem Sohn erzählte, der mit ADHS zu kämpfen hat.

          Nach all seinen phantastischen, wunderbaren und oft bedrohlichen Welten schließt der Atlas mit einer literarischen Reise zu Jane Austen. Wer glaubt, hier, in „Verstand und Gefühl“, sicher zu sein vor Abenteuern und Gefahren, hüte sich, so Cris F. Oliver: Im Handumdrehen ist man verlobt mit einem reichen Erben aus Dorsetshire.

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