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Dashka Slater: „Bus 57“. Eine wahre Geschichte. Aus dem Englischen von Ann Lecker. Loewe Verlag, Bindlach 2019. 400 S., geb., 18,95 Euro. Ab 14 J. Bild: Loewe Verlag

Dashka Slaters „Bus 57“ : Hoffentlich wird er nicht ganz zermalmt

Ein Teenager, der kein Mädchen ist, trägt im Bus einen Rock. Ein Jugendlicher gleichen Alters zündet ihn an. Dashka Slaters „Bus 57“ erzählt eine wahre Geschichte. Und viele Geschichten dahinter.

          Es ist eine unfassbare Tat, und die einzige Erklärung, die der Täter dafür hat, ist nicht weniger erschütternd: Am Montag, dem 4. November 2013, zündet ein sechzehn Jahre alter Jugendlicher den Rock eines schlafenden Passagiers gleichen Alters in einem Linienbus in Oakland an. Sasha überlebt trotz schlimmster Verbrennungen. „Es sollte nur ein Scherz sein“, sagt Richard bei seiner ersten Vernehmung. Er habe gedacht, die kleine Flamme würde einfach wieder ausgehen. Und noch etwas sagt Richard den beiden Officers, nachdem sie ihm seine Rechte vorgelesen haben und den Hinweis, alles, was er jetzt sage, könne vor Gericht gegen ihn verwendet werden: „Ich würde nicht sagen, dass ich Schwule hasse, aber ich bin sehr homophob.“

          Damit wird aus lebensbedrohlicher Leichtfertigkeit ein Hassverbrechen, aus dem Prozess gegen einen Jugendlichen ein Verfahren, bei dem Erwachsenenstrafrecht angewandt wird - und ein nationales Medienereignis. Anderthalb Jahre später hat die Journalistin Dashka Slater im „New York Times Magazin“ über den Vorfall, das Vorfeld und die Folgen geschrieben. Später hat sie ihre Recherchen zu einem Jugendbuch gemacht, das im Oktober 2017 in Amerika und jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist.

          Es ist nicht so einfach mit der Geschichte von Richard und Sasha, und Dashka Slater macht es den Lesern von „Bus 57“ nicht leicht damit. Der sprachliche Aufwand, für Sasha, nach eigener Auskunft „agender“, also keinem Geschlecht zuzuordnen, als passendes Pronomen „sier“ zu verwenden, fällt dabei erstaunlich wenig ins Gewicht. Schnell lassen sich selbst Sätze wie „Sier hatte siere Leute gefunden und siem gefiel der Unterricht“ einigermaßen flüssig lesen. Unter Slaters merklich strengem Vorsatz, der wahren Geschichte nichts Erfundenes hinzuzufügen und jede Seite, jede Sichtweise zu ihrem Recht kommen zu lassen, ohne sie einzunehmen, klingt anfangs jedes Kolorit, jede Ausschmückung belegbar und liest sich angestrengt abgesichert.

          Ein Moment der Menschlichkeit

          Eine Figur wie Sasha auf der Suche nach ihrer Identität, ihrer sexuellen Orientierung zu beschreiben, ohne ihr dabei nahezukommen, ohne die literarischen Mittel der Einfühlung zu nutzen, ist ein schwieriges Unterfangen, zumal im Jugendbuch, einem Genre, in dem im Allgemeinen mit bunten Farben und klaren Konturen gemalt wird. Doch Dashka Slaters Zurückhaltung hat nicht nur ihren Preis, sondern auch ihr Gutes: Die Autorin kann ihren Lesern das Geschehen aus den verschiedensten Blickwinkeln vor Augen führen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Wie sieht Sasha, wie sehen Sashas Eltern Debbie und Karl den Angriff, wie den Täter? Wie lebt Richard mit der Tat? Wie seine Mutter Jasmine? Welche juristischen Strukturen greifen in diesem Fall ineinander, welche Geschichte hat der besondere Umgang mit Hate-Crime-Fällen, welche Grundlagen, welche Folgen hat die Anwendung des Strafrechts für Erwachsene bei Jugendlichen, die 1996 zu einem neuen Typus des Kriminellen erklärt worden waren, dem „Supergewaltverbrecher“? Welche Alternative könnte es zu einer Bestrafung Richards geben, als klar wird, dass er das von ihm selbst gebrauchte Wort „homophob“ missverstanden hat als „eindeutig heterosexuell orientiert“ und sogar Sashas Familie zur Besonnenheit in der Urteilsfindung aufruft?

          Bei Richards erster Beweisanhörung trifft Jasmine ein erstes Mal auf die Familie von Sasha. Sie kommt nicht umhin zu beteuern, sie seien „keine bösen Menschen“, und umarmt Sasha, Debbie und Karl. Ein Moment der Menschlichkeit, dem Sasha später mit der Antwort auf die Frage, wie sich das damals angefühlt habe, lächelnd die Krone aufsetzt: „Umarmungen finde ich immer gut.“

          Wie geschaffen für einen Sonderweg

          Dashka Slater berichtet mit einer solchen Sorgfalt von einem Ansatz namens „Restorative Justice“, wiedergutmachende Gerechtigkeit, der nach einem Verbrechen auf Heilung statt auf Bestrafung setzt, dass der Leser schon auf ein glücklicheres Ende zu hoffen beginnt, als es das Buch schließlich findet: In ihm lernen alle Seiten eines solchen Verfahrens einander mit einer Gründlichkeit kennen und verstehen, bevor sie sich auf eine Wiedergutmachung einigen, dass aus den Gegenparteien mitunter sogar Freunde werden und aus Menschen, die in Unkenntnis und Unachtsamkeit ein Verbrechen mit rassistischer oder sexistischer Grundierung begangen haben, vielleicht sogar überzeugte Verfechter der Anerkennung und Gleichberechtigung.

          „Wenn irgend jemand für den Restorative-Justice-Prozess wie gemacht schien“, schreibt Dashkar Slater, „dann diese zwei Familien, die bereits Mitgefühl füreinander gezeigt hatten.“ Es sind die Positionen der Staatsanwaltschaft, zum Teil auch des Rechtsanwalts von Richard, die einen solchen Weg in diesem Fall verhindern. Vielleicht ist es auch der Umstand, dass es sich bei Richard um einen schwarzen Jugendlichen handelt.

          Mitgefühl gegenüber denen lernen, die anders sind

          Hier, in der Draufsicht, aus der Distanz, hat „Bus 57“ seine größte Stärke. Hier traut das Buch seinen jugendlichen Lesern ein Reflexionsvermögen zu, das über die individuellen Schicksale hinaus auf die Strukturen zielt, in denen Rechtsempfinden und Rechtssprechung verlaufen, auf ihre Bedingungen und die Möglichkeiten, sie zu verändern. Und die Erkenntnis, dass selbst ein auf den ersten Blick eindeutiger Fall wie der von Sasha und Richard einen zweiten, genaueren Blick lohnt.

          „Ich hoffe, dass er nicht völlig zermalmt wird“, sagt Sashas Mutter Debbie schließlich über Richards bevorstehende Jahre im Gefängnis. „Wir hoffen“, hatte der Vater vorher vor Gericht gesagt, „dass Richard und diese anderen Jugendlichen Mitgefühl gegenüber denen lernen, die anders sind. Wir hoffen, dass es im Jugendgewahrsam Programme gibt, die zumindest Richard dabei helfen können.“ Denn im Jugendstrafvollzug ist Richard schließlich immerhin doch gelandet: als Junge, der eine Dummheit begangen hat. Eine lebensgefährliche Dummheit.

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