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„Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ von Jenny Valentine : Bist du ein Gespenst?

Bild: dtv

Alles Familie: Jenny Valentines junger Held gibt sich kurzerhand als jemand anderer aus. Danach hat nicht nur er ein dunkles Geheimnis.

          3 Min.

          Was hatte er schon zu verlieren? Chap war halb verhungert, als er sich in diese Notunterkunft für schwierige Kinder im Osten Londons rettete. Nach einer Prügelei haben sie ihn in den Abstellraum gesperrt. Seit er angekommen war, hat er nicht mit ihnen gesprochen. Jetzt halten sie ihm ein Bild vor die Nase, das Porträt eines seit zwei Jahren vermissten Jungen. Er sieht ihm ähnlich, verblüffend ähnlich: ein paar Narben weniger, keine Piercings, bessere Zähne. Sie fragen ihn, ob er das sei auf dem Bild. Chap zögert kurz, dann erliegt er der Versuchung: Raus hier! Endlich ein Zuhause, eine Familie, Freunde! Dann tut er eben so, als wäre er Cassiel Roadnight.

          Wie soll das nur gutgehen? Als seine ein paar Jahre ältere Schwester Edie ihn abholt, um ihn in die walisische Kleinstadt Hay-on-Wye ein paar Autostunden entfernt zu bringen, weiß Chap gerade einmal, wann Cassiel verschwunden ist. Aber warum? Wie war sein Verhältnis zu seiner Schwester, zum Rest seiner Familie? Hatte Cassiel einen Grund abzuhauen, könnte seine Familie, könnten seine Freunde diesen kennen? Sie wollen ihn zumindest wissen. Er wolle nicht darüber reden, antwortet Chap kurzerhand, während aus seiner Angst, er könnte auffliegen, die Gewissheit wird, dass er sich früher oder später doch verraten wird. Aber jetzt noch nicht. Fürs Erste kommt er damit durch: Cassiels pragmatische Schwester gibt sich damit zufrieden, die derangiert wirkende Mutter, auch der große, erfolgreiche Bruder.

          Irgendwie glaubt er ihm

          Nur Floyd reicht diese Antwort nicht: „Das kannst du mit mir eigentlich nicht machen“, sagt diese merkwürdige Gestalt zu ihm, als sie sich nach ein paar Tagen im Morgengrauen über den Weg laufen, als sie, so nennt es Chap, einander erscheinen, Floyd den anderen allen Ernstes zuerst für ein Gespenst hält und Chap ihn in seiner Angst, sich zu verraten, einfach stehenlassen will. Aber so einfach ist das nicht. Schließlich hat Floyd nicht nur öffentlich behauptet zu wissen, dass Cassiel tot ist. Er hat auch dessen Bruder Frank den Mörder genannt und sich so vollends zum Außenseiter in der Kleinstadt gemacht, in der niemand die Hoffnung aufgeben wollte, Cassiel würde schon eines Tages wiederauftauchen, und in der Frank einen guten Ruf genießt. Anders als Floyd. Was nützt es da, dass Floyd sich auf Cassiel beruft, der ihm in der Nacht des Verschwindens etwas zugesteckt und von seiner Todesangst vor Frank erzählt haben soll? „Wenn ich in drei Stunden nicht zurück bin, verbrenn das ganze Zeug, vergrab es, lass es verschwinden, oder ich bin tot.“ Das waren Cassiels Worte, sagt Floyd. Und mit ihnen ist er zur Polizei gegangen.

          Jenny Valentine macht es ihren jugendlichen Helden nicht eben leicht. In ihrem gefeierten Debüt „Wer ist Violet Park?“, vor zwei Jahren in deutscher Übersetzung erschienen, kommt ein Sechzehnjähriger durch eine Urne seinem verschwundenen Vater auf die Spur, in „Kaputte Suppe“ ist eine Familie nach dem Badeunfall eines Sechzehnjährigen auseinandergebrochen. Jetzt greift die Autorin aus der englischen Bücherstadt Haye-on-Wye zu einem beliebten Kinder- und Jugendbuchmotiv, dem Identitätswechsel, freilich ohne ihrem Helden die sonst gern gewährte Unterstützung zukommen zu lassen: Chap hat keine Informanten, die ihn für seine Rolle ausstatten - er konnte nur kurz im Internet das Wichtigste zum Fall Cassiel Roadnight zusammensuchen. Und wenn er auffliegt, ist er wieder der obdachlose Niemand, der den Mann, bei dem er aufgewachsen ist, die ganze Zeit für seinen Großvater gehalten hatte und jetzt nicht einmal mehr seinen eigenen Namen glaubt.

          Aber irgendwie glaubt er Floyd. Er setzt sich über das Entsetzen der Familie hinweg, trifft den Gleichaltrigen heimlich und sieht sich schließlich in einer entsetzlichen Klemme: Wenn Floyd die Wahrheit sagt, teilt Chap mit Frank das Geheimnis, dass er nicht Cassiel ist. Er teilt dieses Geheimnis mit einem Mörder. Er könnte fliehen. Er könnte versuchen, sein heikles Spiel weiterzuspielen, ohne je wirklich sicher zu sein vor Frank. Oder dem älteren Bruder eine Falle stellen, sein falsches Spiel aufdecken und Floyd, den Geächteten, rehabilitieren.

          Vertrauen gegen Vertrauen

          Jenny Valentine hat ihrer Geschichte „Das zweite Leben des Cassiel Roadnight“ einiges an Spannung und Schwung verpasst. Genug, um darunter auf einer zweiten, ruhigeren, tieferen Ebene ganz unaufgeregt ein paar der großen Themen des Heranwachsens zu berühren, ohne sie den jugendlichen Lesern aufzudrängen: dass sich auch ein ausgebuffter Sechzehnjähriger nach einer Familie sehnen kann, dass es hier Liebe und Geborgenheit geben kann, auch wenn etwas derart Irritierendes im Raum steht wie Cassiels zweijährige Abwesenheit, für die er jede Erklärung schuldig bleibt. Selbst in einer Familie, in der die Mutter verstört wirkt, die Schwester misstrauisch wird und der Bruder unter der herzlichen Oberfläche ein dunkles Geheimnis zu verbergen scheint.

          Chap fragt sich nicht nur immer wieder, wie er seine Lüge aufrechterhalten kann. Er fragt sich auch, mit welchem Recht er sich in das Leben dieser Familie mogelt. Er muss für die Folgen seiner Lüge einstehen. Er muss einem merkwürdigen Menschen vertrauen, der seinerseits einmal seinem ungeliebten Doppelgänger vertraut hatte.

          Glücklich ist das Ende dieses Buches nicht. Aber es ist überraschend. Dem Umstand, dass es immerhin offen ist, verdankt die Handlung auch ein paar Unwahrscheinlichkeiten. Aber die sind bei der Glaubwürdigkeit des Tons, den Jenny Valentine für das Erzählen ihres Helden, für die Dialoge, für die Gefühle findet, leicht verzeihlich.

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