https://www.faz.net/-gr3-9qgll

Anke Bär: „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“. Mit Zeichnungen der Autorin. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2018. 240 S., geb., 18,– Euro. Ab 10 J. Bild: Gerstenberg

„Kirschendiebe“ von Anke Bär : Klartext von Tante Elli

  • -Aktualisiert am

Anke Bär zeichnet in „Kirschendiebe“ ein deutsches Nachkriegspanorama. Ihr Kinderbuch ist auch eine Aufforderung, selbst Fragen zu stellen und Erinnerungen zu teilen.

          3 Min.

          Seit einigen Jahren haben Bücher über Kriegskinder und Kriegsenkel Konjunktur. Dabei geht es um die Nachfahren nichtjüdischer Deutscher, deren Eltern oder Großeltern während des Zweiten Weltkriegs Erwachsene waren und die in dieser Zeit Schlimmes getan, erlebt oder mitbekommen haben. Während der Nachkriegsjahre wurden die Kriegserfahrungen häufig verdrängt, verleugnet oder verharmlost. Geblieben sind ein tiefes Unbehagen und die Unfähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Schweigen lastet über Generationen hinweg auf den betroffenen Familien und begünstigt bis heute die stumme Weitergabe von durch Gewalt, Trennung und Verlust erworbenen Traumata an Kinder und Kindeskinder.

          Anke Bär hat mit „Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war“ nun ein Buch vorgelegt, das sich an die Enkel und Urenkel der Kriegskinder richtet und geeignet ist, diese Weitergabe zu unterbrechen. Denn es ist nicht nur eine wunderbar geschriebene und illustrierte Geschichte, die verstehen lässt, wie es für nichtjüdische Deutsche war, im und nach dem Zweiten Weltkrieg Kind zu sein. Es ist auch eine Aufforderung, selbst Fragen zu stellen und Erinnerungen zu teilen.

          Eine Schar von Kindern – Geschwister, Cousinen, Cousins, Nachbarskinder, Schulfreundinnen und Schulfreunde – bevölkert Anke Bärs Roman. Mittendrin die elfjährige Erzählerin Lotte, die mit ihrer großen Familie, dem Hausmädchen Helma und einigen Hühnern in einem idyllischen Forsthaus am Dorfrand lebt. Das Haus ist umgeben von einem Obstgarten, bewaldeten Hügeln und einem ruhigen Fluss. Häufig unbeobachtet von den vielbeschäftigten Erwachsenen, bauen sich die Kinder Hütten im Wald, klettern auf die höchsten Bäume, sammeln Pilze, spielen ihrem Lehrer harmlose Streiche und klauen das Obst der neuen Försterfamilie.

          Bei aller vermeintlichen Unbeschwertheit

          Atmosphärisch dicht entsteht das Bild einer glücklichen und freien Kindheit im Einklang mit der Natur und dem Jahreslauf. Doch das Grauen der jüngsten Vergangenheit bricht sich immer wieder Bahn in die Gegenwart. Das Kriegsende liegt erst drei Jahre zurück. Onkel Fritz, der Vater von Knut und Hanna, der vor dem Krieg Forstmeister war, ist als Soldat erschossen worden. Daraufhin sind Herr und Frau Greßmann mit ihren zwei Kindern als neue Försterfamilie ins Forsthaus eingezogen und bestimmen nun über alles, auch über das Obst im Garten. Lotte, ihre Geschwister und ihre Mutter, später auch ihr aus russischer Kriegsgefangenschaft geflohener Vater und die Großeltern, sind aus der Stadt, wo die Versorgungslage schlecht ist, zu der jetzt alleinstehenden Tante Hilde und ihren Kindern gezogen. Die fünf Erwachsenen und fünf Kinder teilen sich wenige Quadratmeter in der oberen Etage des Hauses und unter dem Dach.

          Für Lotte ist das alles normal und gut. In angenehm unaufgeregtem Ton und aus kindlicher Perspektive schildert sie einen Alltag der ersten Nachkriegsjahre, der trotz aller Beschränkungen und Beschwerlichkeiten vergleichsweise behütet und glücklich ist. Und doch sind die Folgen des Krieges ständig präsent, etwa wenn die Kinder im Wald Metallteile und Glassplitter finden oder wenn sie erfahren, dass die griesgrämige Nachbarin Frau Sieffert alle drei Söhne und ihren Mann als Soldaten im Krieg verloren hat. Dass Lotte plötzlich von großer Trauer erfüllt ist, weil sie gleichzeitig an den kriegsversehrten Bäckermeister, ertränkte Katzenbabys, tote Amseln oder ihre womöglich kaputte Puppe denken muss, zeigt, wie sehr der Horror der Kriegsjahre den Kindern bei aller vermeintlichen Unbeschwertheit in den Knochen sitzt.

          Über Generationengrenzen hinweg

          „Das ganze Unglück der Welt brach über mich ein“, lässt die Autorin Lotte sagen, als sie vor Erleichterung über ihre wider Erwarten unversehrt gebliebene Schildkrötenpuppe Kläuschen schluchzt. Nicht nur Lotte hat mit den Kriegsfolgen zu kämpfen. „Alle haben Alpträume“, heißt es. Auf unterschiedliche Weise kommen die Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse zum Vorschein. Während die Frauen alles tun, um den Alltag der Familie möglichst reibungslos am Laufen zu halten, reagieren die Männer mit übertriebener Strenge und mit Aggressionen gegen sich und andere. Da ist der Lehrer, der einen Jungen verprügelt, weil er einmal zu viel gehustet hat. Da ist der Forstmeister, der das Jagdgewehr auf die Kinder richtet, weil sie im Spiel Fallgruben im Wald ausgehoben haben. Da ist der Großvater, der die Großmutter für jeden Pfennig zur Rechenschaft zieht, den sie für den Haushalt ausgegeben hat. Und da ist der Vater, der häufig abwesend ist und zu viel Alkohol trinkt. Angesprochen auf ihre Zeit im Krieg, erzählen sie Anekdoten, wie sie einmal in einer Feuerpause mit dem Feind eine Zigarette geraucht haben zum Beispiel. Über alles andere wird geschwiegen.

          Wäre da nicht Lottes Patentante Elli, eine Medizinstudentin, die ab und zu mit ihrer Freundin Margot auf dem Motorrad vorbeikommt und Klartext redet, hätten die Kinder kaum eine Chance zu verstehen, was geschehen ist. Tante Elli hat zu allem eine Meinung. Zum Entsetzen ihrer Mutter und ihrer Lehrerin schenkt sie Lotte eine Lederhose und bleut ihr ein, eher ihrem „gesunden Menschenverstand“ und ihrem „mitfühlenden Herz“ zu trauen als dem „Nazibrockhaus“.

          Das wunderschön gestaltete Buch hält auf fast jeder Seite detaillierte Bleistiftzeichnungen der Autorin bereit, mit denen sie Tiere und Gegenstände aus dem dörflichen Alltag der späten vierziger Jahren illustriert, sei es die besondere Art, wie die Zöpfe der Mädchen geflochten wurden – „Affenschaukeln“ genannt –, oder der Gürtel mit befestigter Stoffbinde, den die Frauen während der Menstruation getragen haben. Am Ende des Buches sind Gegenstände dieser Zeit mit Farbfotos und Erläuterungen abgebildet. Es sind Erinnerungsobjekte, die die Autorin bei ihren Eltern, Großeltern und anderen Verwandten gefunden hat. Auch diese Bilder könnten helfen, über Generationengrenzen hinweg ins Gespräch zu kommen.

          Weitere Themen

          Stars und Sternchen in Baden-Baden Video-Seite öffnen

          Bambi-Verleihung : Stars und Sternchen in Baden-Baden

          Bei der 71. Bambi-Verleihung in Baden-Baden konnten sich Luise Heyer und Bjarne Mädel in den Kategorien Schauspiel National durchsetzen. Für Hollywood-Glamour sorgte Naomi Watts, die als Schauspielerin International ausgezeichnet wurde. Insgesamt wurden Preise in 17 Kategorien vergeben.

          Große Lieder aus dem Jenseits

          Leonard Cohen : Große Lieder aus dem Jenseits

          Drei Jahre nach Leonard Cohens Tod erscheint ein allerletztes Album, fertiggestellt von seinem Sohn Adam. Wir hören Flamenco und ein Vermächtnis aus Bitternis und Witz.

          Topmeldungen

          CDU-Parteitag : Revolte abgesagt

          Annegret Kramp-Karrenbauer hält auf dem CDU-Parteitag keine Verteidigungsrede gegen ihre Kritiker, sie geht in die Offensive und stellt die Machtfrage. Und Friedrich Merz ist „loyal zu unserer Vorsitzenden“.
          Guter Auftritt: Christine Lagarde während des European Banking Congress in der Frankfurter Alten Oper.

          Neue EZB-Präsidentin : Guter Start für Lagarde

          Nach acht Jahren Mario Draghi hat kürzlich Christine Lagarde die Führung in der Europäischen Zentralbank übernommen. Noch ist nicht klar, welchen Kurs sie inhaltlich verfolgen wird. Im Stil hat sie allerdings schon erste Zeichen gesetzt.
          Zwei Teilnehmende des Social Impact Lab besprechen Details zu einer von ihnen entwickelten Handy-App. Das Projekt bietet jungen Menschen mit Migrationshintergrund unter anderem ein Coaching an, um sie bei ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen.

          Die Karrierefrage : Soll ich mich coachen lassen?

          Knatsch mit dem Chef, eine neue Position, zu wenig Freizeit: Coaching gilt als Allheilmittel im Berufsleben. Doch nicht immer ist es auch sinnvoll. Das liegt auch am unreguliertem Markt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.