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Kinderbuch von Anna Woltz : Heute fühle ich mich morsch

Die niederländische Autorin Anna Woltz, Jahrgang 1981, wurde vielfach ausgezeichnet. Bild: Merlijn Doomernik

Erst will die elf Jahre alte Atlanta in „Haifischzähne“, dem neuen Kinderbuch von Anna Woltz, von der Krebserkrankung ihrer Mutter nichts wissen. Dann startet sie durch.

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          Nach 88,1 Kilometern kommen Atlanta doch die Tränen. Von Enkhuizen ist sie am IJsselmeer entlang in den äußersten Zipfel Noord-Hollands geradelt, dann über den Abschlussdeich rüber nach Friesland, mit dem Wind, gegen den Wind, bis sie schon lange nicht mehr konnte, bis es dunkel wurde, bis Finley sie endlich stoppte. Dabei hatte das elf Jahre alte Mädchen doch an alles gedacht: daran, den Eltern zu erzählen, sie würde bei Noor übernachten, daran, vom Smartphone der Mutter aus eine Entschuldigung an die Schule zu schicken, an Proviant, an zusätzliche Beleuchtung. Sie hatte ausgerechnet, dass sie alle zwei Stunden zehn Minuten Pause machen durfte. Sogar ihre Nachtzahnspange hatte sie eingepackt.

          Gerade hat sie sich die Adventslichterkette um Bauch und Schultern gewickelt, von dort zum Lenker und wieder zurück, damit sie auch im Dunkeln weiterfahren kann. Die Kette hat erst in Wellen geblinkt, dann haben die Lichter abwechselnd geleuchtet. Dann klappt es wie geplant, und Atlanta steht da, ein kleiner, verlorener Weihnachtsbaum auf einer schmalen Straße hinter einem Deich in der herbstlichen Dämmerung. Und Finley schaut sie an, als würde sie weinen. „Von allen Mädchen, die ich kenne, weine ich am wenigsten“, erklärt die Ich-Erzählerin im Kinderbuch „Haifischzähne“ von Anna Woltz, darum seien es jetzt wohl so viele Tränen: „Ich habe sie alle aufgehoben.“

          Sieben Monate lang hat ihre Familie darauf gewartet, ob die Krebstherapie ihrer Mutter anschlägt, wie Wespen, über die ein Glas gestülpt worden ist, um sie nicht zu töten: „Manchmal hocken wir alle zusammen unter demselben Glas. Aber meist sitzt jeder unter seinem.“ Den ganzen Sommer über hat Atlanta so getan, als wäre es ihr egal, dass ihre Mutter immer wieder ins Krankenhaus gegangen ist, sie hat lieber mit ihren Freundinnen am Strand gelegen oder Fußball gespielt, bis es dunkel wurde. Jetzt wollen die Ärzte mit der Mutter besprechen, wie es weitergeht, und Atlanta hält es nicht mehr aus: das Warten, all das Unausgesprochene, ihr eigenes Davonlaufen und das liebevolle Verständnis ihrer Mutter dafür, das sie nicht glauben kann.

          Anna Woltz: „Haifischzähne“. Roman. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 96 S., geb., 10,– €. Ab 10 J.
          Anna Woltz: „Haifischzähne“. Roman. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 96 S., geb., 10,– €. Ab 10 J. : Bild: Carlsen Verlag

          Kinder sind so: In Moni Nilssons Kinderbuch „So viel Liebe“ glaubt ein Mädchen fest, wenn es nur seine beste Freundin hasse und sich von ihr fernhalte, so weh es auch tut, werde seine unheilbar an Krebs erkrankte Mutter nicht sterben. Atlanta ist in ihrer Verzweiflung nur ein einziger Weg eingefallen, um allen zu zeigen, wie wichtig ihr das Ganze doch ist: Sie will mit dem Rad allein um das IJsselmeer fahren, die ganzen 360 Kilometer, bis sie nicht mehr kann. Auch hier die Hoffnung, dass ein kindliches Opfer der Gesundheit der Mutter guttun könne. Und wenn nicht, bleibt immerhin der Schmerz: „Meine Mutter fühlt sich schon seit Monaten morsch von all den Medikamenten, heute bin ich an der Reihe. Sollen meine Muskeln nur brennen und meine Schultern stechen, soll meine Lunge doch glühen.“

          Wild entschlossen, so hat Anna Woltz ihre elf Jahre alte Heldin gezeichnet, mutig und stolz, trotzig, verletzt, beschämt und dabei genau so groß und genau so klein, wie Kinder in diesem Alter sein können. Ihr zur Seite hat die niederländische Autorin einen Jungen gestellt, der seine Zeit braucht, bis Atlanta ihn wirklich an ihrer Seite will und später braucht, bis sie mit Finley ihre Ängste, ihren Plan und ihre Käsebrote teilt. Auch er ist mit dem Rad unterwegs, nur weg von zu Hause, von der Mutter, die ihm im Streit gesagt hat, dass sie ihn bereut. Einen Plan allerdings hat er nicht. Sonst wäre es ja nicht spannend, sagt er bei Kilometer 40,7 noch.

          „Haifischzähne“ ist die Geschichte eines Abenteuers, einen Tag, eine Nacht und dann noch einmal einen halben Tag lang. Die Geschichte zweier Kinder, die einander schließlich die Kraft geben, sich dem zu stellen, wovor sie eigentlich davongelaufen sind. Es ist ein Buch, das in jeder Hinsicht gut ausgeht: Finley kann nicht verhindern, dass Atlanta seiner Mutter die Meinung sagt, und die Mutter versteht. Atlanta schafft zwar nicht, was sie sich vorgenommen hat, aber zumindest einen Teil ihres Versprechens löst sie ein. Und sie setzt durch, dass sie diesmal mitkommen darf ins Krankenhaus, nicht zur Besprechung, aber zumindest beim Warten will sie dabei sein. Was die Ärzte dann zu besprechen haben, ist eine Erleichterung. Und die beiden Kinder verlieren einander nach ihrer Zufallsbekanntschaft und der gemeinsam gemeisterten Ausnahmesituation nicht aus den Augen.

          Anna Woltz geht es also nicht um den Verlust in ihrem neuen Kinderbuch, nicht um den Tod, sondern um die Todesangst, um die familiäre Erstarrung, um kindliche Hilflosigkeit, wenn ein Elternteil lebensbedrohlich erkrankt, um ein besonderes Zusammenspiel von einsetzender Selbstreflexion und Selbstüberschätzung, wie es für zarte Seelen in der Vorpubertät nichts Ungewöhnliches ist. Das macht „Haifischzähne“ zu einem ungewöhnlich feinsinnigen Buch.

          Anna Woltz: „Haifischzähne“. Roman. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Carlsen Verlag, Hamburg 2020. 96 S., geb., 10,– €. Ab 10 J.

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