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Simon van der Geests „Dysseus“ : Cola und Limo, das sind Kirkes Waffen

Simon van der Geest: „Dysseus“. Mit Bildern von Jan Jutte. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Thienemann Verlag, Stuttgart 2017. 128 S., geb., 12,99 Euro. Ab 10 J. Bild: Thienemann Verlag

Böse Jungs im Schwimmbad: Im Kinderbuch „Dysseus“ schreibt Simon van der Geest die Odyssee unserer Kindheit – in der das größte Abenteuer zu Hause wartet.

          Seine Großmutter hatte es ihm ja prophezeit: Weil der Junge Dysseus, genannt Düssi, auf dem Heimweg vom Schwimmbad so lange braucht und immer noch nicht zu Hause angekommen ist, haben sich seine Eltern mittlerweile an seiner Stelle einen Hund zugelegt und diesen ebenfalls „Dysseus“ getauft. Damit ist klar: Der Junge muss nicht nur schleunigst daheim erscheinen, er wird sich seinen alten Platz dort wieder erkämpfen müssen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Verhalten der Eltern ist noch lange nicht das Seltsamste in Dysseus’ Geschichte, auch nicht der durchaus ungewöhnliche Name des Jungen. Eher ist es die Tatsache, dass die warnende Großmutter schon lange nicht mehr lebt und dass es Dysseus auf dem Weg zu ihr mit einer Reihe von Gefahren zu tun bekommen hat, die eine Reihe seiner Freunde gar das Leben gekostet hat. Einer von ihnen, der kleine Jeffrey, der bis dahin vor allem durch die Frequenz seiner Blähungen aufgefallen war, landete im Schlund eines meterhohen, einäugigen Bauern, ein zweiter, Juri, verschwand zwischen den Schaufeln einer Baumaschine, den dritten, Michael, blies der Wind davon, und der vierte, Frits, ging unter, als eine Bande Wahnsinniger die Schlauchboote der Kinder zum Platzen brachte.

          Kein Zweifel, der niederländische Autor Simon van der Geest, bei uns durch seinen Roman „Krasshüpfer“ bekannt geworden (F.A.Z. vom 12. März 2016), hat mit „Dysseus“ eine moderne Hommage an die „Odyssee“ vorgelegt, angesiedelt in unserer, wenn auch mythisch verfremdeten, Gegenwart, bevölkert mit Protagonisten zumeist im Kinderalter. Sie bekommen es mit einem bäuerischen Polyphem zu tun, aus dessen Schafstall sie sich auf dieselbe Weise retten wie einst Odysseus und seine Gefährten, auf einem Baum stopfen sie irgendwelche „rosa Früchte“ in sich hinein, was sie wie Lotosesser auf Dysseus’ Rufe reagieren lässt, eine zauberhafte Kirke („Von nahem roch sie wie nach frisch gemähtem Gras / wie Sarah, die in meiner Klasse saß, nur anders“) verwandelt die Besucher mit Cola in Schweine und mit Limo wieder zurück, und die Baumaschinen, an denen sich die Kinder vorbeidrücken, vertreten Scylla und Charybdis.

          Nun doch ein Held

          Das alles widerfährt Dysseus und seinen Gefährten nicht so einfach – das Abenteuer beginnt in einem bedrückenden Moment für Dysseus, der erleben muss, wie seine Freunde von den großen Jungs im Schwimmbad wie üblich tyrannisiert werden und er, der Kleinste von allen, der nur mitdurfte, weil er versprach, nicht zu heulen, schließlich auf die Toilette floh. Er wünscht sich, „dass ich der Held hier wäre, / der Held der Geschichte, und wir uns fett verirrten“. Genau so kommt es, auch wenn immer wieder bis zum Schluss des Buchs Einsprengsel der Schwimmbad-Gegenwart in den Tagtraum des Jungen gelangen.

          Simon van der Geest erzählt das nicht einfach, er formt seine Handlung aus einer Reihe von mal gereimten, mal ungereimten Versen. Keine Hexameter, natürlich nicht, sein Epos ist nicht so regelmäßig gebildet wie die Odyssee, es besteht aus formal heterogenen Kapiteln, die Rolf Erdorf genau richtig, nämlich mit spröder Eleganz, ins Deutsche gebracht hat. Autor und Übersetzer zeigen dabei, wie sehr sich das Genre der Verserzählung für eine solche Erzählung eignet, die sich an Kinder richtet und vorhat, das Nebeneinander von Realität und längerem Gedankenspiel abzubilden. Vorzüglich gelingt es dabei, Alltag und Not eines großen Kindes erfahrbar zu machen, Verzweiflung und Überschwang, der sich aus dem Bewusstsein speist, nun doch ein Held zu sein – keine heulende Last, sondern ein Anführer, dem sich die anderen anvertrauen. Es ist eine Grundstimmung, in der alles Überschwang ist in die eine oder andere Richtung, und niemals etwas egal.

          Zwischen Realität und Mythos

          Das überträgt sich durchaus. Denn bei aller Kindlichkeit der Abenteuer und der Protagonisten, bei aller ruhigen Distanz, die man als Leser sowieso gegenüber derlei Gefahren aufbauen kann, weil man sie vom Sessel aus rezipiert, geschieht es sehr leicht, dass man die Unruhe des Reisenden spürt, dass man mit ihm endlich nach Hause will und dort das größte Abenteuer von allen auf sich nimmt – die Rückeroberung des eigenen Platzes in der Familie.

          Wie das mit den bösen Jungs im Schwimmbad zusammenhängt, zeigt der Autor meisterlich, und die bunten Zeichnungen von Jan Jutte tun ein Übriges, um die Schwingungen des Pendels zwischen Realität und Mythos begleitend nachvollziehbar zu machen. Dysseus aber ist ein anderer, als er sich abends sein Bett aufs Neue zu eigen macht. Und es macht den besonderen Reiz dieser Odyssee aus, dass auch hier das Happy End kein ungemischtes ist.

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