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Das Kinderbuch „Ben“ von Oliver Scherz : Der Junge, der zu viel über sich wusste

Bild: Thienemann

Bücher, in denen kindliche Helden selbst erzählen, können toll sein. Wenn die Autoren die Grenzen dieses Blicks kennen. Oliver Scherz kennt sie nicht.

          Ben hat eine kleine Schildkröte, einen großen Bruder und neue Nachbarn. Er kommt am Ende des Buches in die Schule, traut sich einiges, vor allem wenn er nicht darüber nachdenkt, und sorgt sich eben doch dann und wann, in der ersten Nacht allein bei den Großeltern zum Beispiel, wo die Eltern doch ganz schön weit weg sind. Oliver Scherz lässt den Jungen erzählen, zehn Geschichten hat sich der Autor, als Schauspieler in einigen Krimiserien aus hiesiger Produktion zu sehen, für ihn und seine Schildkröte ausgedacht: Wie seine Eltern abends ausgehen und der große Bruder Ben überredet, nach einer Cola am Küchentisch in Nachbars Gartenteich nachtangeln zu gehen. Wie er nur noch schnell zwei Fische als Geburtstagsgäste für Herrn Sowa, die Schildkröte und Bens besten Freund, fangen geht, während oben im Badezimmer schon die Wanne zum Festbad erst voll- und dann überläuft. Wie sein Bruder Alex ihn aus dem Baumhaus wirft, weil er dort mit seinem Freund allein sein will. Wie er ihn nachher aber vorschickt, als die beiden mitbekommen, dass im Nachbarhaus zwei Mädchen in ihrem Alter eingezogen sind, die Alex zwar natürlich grundsätzlich blöd, aber eigentlich doch ziemlich interessant findet. Wie die Schildkröte einmal auf einem Rindenstück auf den See hinaustreibt, ein ander mal krank wird und schließlich eine zweite Schildkröte als Spielgefährtin braucht, statt weiter in Bens Brusttasche durch die Weltgeschichte getragen zu werden.

          Die Geschichten sind gut konstruiert und behende erzählt. Woran liegt es nur, dass sie trotzdem so wenig mitreißend sind, dass ihnen der Schwung fehlt, der Witz? Die Geschichten haben meist eine einzige Wendung: Ben hat etwas vor, dann geht etwas schief. Er stellt etwas an, und dann muss er es wieder in Ordnung bringen. Oder er hat ein Gefühl, und dann lernt er etwas fürs Leben. Auch wenn sich Oliver Scherz bemüht, die Geschichten wie gerade erlebt klingen zu lassen, indem er in wildem Galopp auf der Flucht vor dem großen Bruder einsetzt oder auf dem Sprung zum Baden: Man hat immer das Gefühl, einem Jungen beim eilfertigen Erzählen zuzuhören, der gerade bei Verwandten zu Besuch ist, im frischen Hemd, mit wenigstens versuchsweise gekämmten Haaren.

          Sie bleiben eindimensional

          Kindergeschichten, die ein Kind als Erzähler haben, können großartig sein. Wenn der Autor es schafft, seinem Helden zuzugestehen, dass er eben nicht immer alles begreift. Wenn man ihm seine Gefühle, seine Überforderung oder Entrüstung auch einmal ohne anschließende Einsicht lässt. Wenn die Perspektive in den Grenzen des kindlichen Blicks bleibt und trotzdem den Blick des Lesers auf das zu lenken vermag, was dem Erzähler gerade wohl entgangen ist. Wenn es ein Ensemble von Figuren, Orten und Bewegungen gibt, die der Autor mit Erwartungen verknüpft, mit denen er im Weiteren spielen kann. Wenn er überhaupt spielen kann. Timo Parvela gelingt das in seiner „Ella“-Serie mit den Kindern aus Ellas Klasse, ihren Eigenheiten und Ausfällen aufs Schönste. Dimiter Inkiow schöpft in den Büchern der Reihe „Ich und meine Schwester Klara“ aus der eigentlich unterlegenen Position des kleinen Bruders einige Situationkomik. René Goscinnys „Kleiner Nick“ ist in der Begeisterung und Empörung des Tons, im Überschwang des Erzählers der Klassiker dieser Form.

          Ben hingegen bekommt Figuren zur Seite gestellt, die eindimensional bleiben und über ihre Niedlichkeit, Mütter- oder Großväterlichkeit nicht hinauskommen. Und er bekommt das an Kulisse, was die Geschichte gerade braucht: den Gartenteich, den See, das Haus der Großeltern auf dem Land. Selten wird etwas wiederverwendet, das Baumhaus allenfalls, der Fluss, sonderlich aufgeladen werden diese Orte jedenfalls nicht.

          So denkt kein Vorschulkind

          Das Unerfreulichste aber sind die Sätze, mit denen Oliver Scherz seinem armen Jungen Erklärungen oder, schlimmer noch, Erkenntnis in den Mund legt: „Er nimmt mich ziemlich ernst heute Abend“, lässt er Ben über seinen großen Bruder denken, bevor sie zum Nachtangeln aufbrechen, „das finde ich so gut, dass ich auch den Plan gut finde.“ Alex ahne bestimmt nicht, heißt es an anderer Stelle, dass Ben und Herr Sowa in der verbotenen Seifenkiste längst „heimlich in der Garage um die Welt gefahren“ sind. Den Nachbarsmädchen stellt Ben seine Schildkröte vor: „,Mein bester Freund‘, sage ich, auch wenn ich mich ein bisschen für ihn schäme.“ Schließlich kommt Ben zu der Einsicht, eine Schildkröte sei eben eine Schildkröte - „auch wenn ich bestimmt noch lange brauche, um mich daran zu gewöhnen.“

          So denkt doch kein Vorschulkind! Jedenfalls würde man niemandem in diesem Alter wünschen, zu einer solchen Abgeklärtheit zu kommen, auf dieser Denkfigur, bei der man sich selbst nicht nur von außen, sondern sogar noch aus der Zukunft betrachtet. Und wenn, dann allenfalls abends im Bett, zwischen Vorlesen und Gutenachtkuss, in einem Moment, von dem die Eltern noch lange sprechen und den Kinder sofort wieder vergessen.

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