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Alan Gratz: „Vor uns das Meer“. Drei Jugendliche. Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Hanser Verlag, München 2020. 304 S., geb., 17,– €. Ab 12 J. Bild: Hanser Verlag

Jugendbuch „Vor uns das Meer“ : Wir müssen hier weg, wir müssen es schaffen

Aus Aleppo, Kuba oder Deutschland: In seinem Jugendbuch „Vor uns das Meer“ verknüpft Alan Gratz Fluchtgeschichten aus drei Jahrzehnten. Doch der amerikanische Autor verwechselt Eindringlichkeit mit Spannung.

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          Einer will mit seiner Familie von Aleppo nach Deutschland fliehen, einer mit seiner aus Deutschland nach Kuba, eine mit ihrer von Kuba nach Florida. Was sie verbindet, ist in etwa das Alter: Die drei sind dabei, ihre Kindheit hinter sich zu lassen, als sie jäh in Situationen geworfen und vor Entscheidungen gestellt werden, vor denen es auch Erwachsenen graust. Sie verbindet eine schreckliche Situation zu Hause, die den Fluchtversuch als einzige Option erscheinen lässt, furchtbare Erlebnisse auf dem Meer, aber auch Erfahrungen der Grausamkeit, Hilflosigkeit oder Gleichgültigkeit von Menschen, denen sie auf ihrer Flucht begegnen.

          Was Mahmoud Bishara, Isabel Fernandez und Josef Landau voneinander trennt, sind nicht nur ihre Heimat- und die Zielorte ihrer Flucht, sondern auch Jahrzehnte: Josef flieht mit seinen Eltern und seiner Schwester 1939 aus Hitler-Deutschland, Isabel 1994 mit ihrem Vater, der hochschwangeren Mutter und den Nachbarn aus dem kommunistischen Kuba, Mahmoud 2015 mit Eltern und Geschwistern aus dem Krieg in Syrien.

          Von Geschichte zu Geschichte springend, erzählt der amerikanische Autor Alan Gratz jugendlichen Lesern in seinem Buch „Vor uns das Meer“ von diesen so unterschiedlichen Schicksalen. Warum er sie auf diese Weise miteinander verknüpft, liegt auf der Hand: Sich zur Flucht gezwungen zu sehen ist keine Frage des Landes, der Zugehörigkeit oder einer bestimmten Zeit, ist Gratz’ Botschaft, es sind nicht zwangsläufig immer „die anderen“, die flüchten, es sind Menschen wie wir. Wir könnten es selbst sein.

          Zurück dorthin, wo sie verfolgt wurden

          Man hätte diese Erkenntnis auch der Eindringlichkeit einer einzigen Geschichte anvertrauen können, hätte von ihr aus zeigen können, dass Flucht kein einmaliges Phänomen ist, sondern die unterschiedlichsten Menschen in den verschiedensten Situationen betrifft. Dass Alan Gratz stattdessen auf drei Erzählstränge setzt, zeigt literarische Ambition – oder mangelndes Vertrauen in jeden einzelnen. Das Ergebnis offenbart erzählerische Überforderung und ein Dilemma in Konsequenz dieser Konstruktion.

          Alan Gratz erzählt mit weitem Blick auf die Historie und etwas engerem Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten.
          Alan Gratz erzählt mit weitem Blick auf die Historie und etwas engerem Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten. : Bild: Hanser

          In der Reichspogromnacht 1938 haben sieben Männer die Wohnung der Landaus in Berlin verwüstet und den Vater mitgenommen. Sechs Monate später wird er aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen, unter der Bedingung, das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen. Die Familie schifft sich auf der St. Louis ein, jenem Passagierschiff, dessen Irrfahrt im Mai und Juni 1939 Geschichte geschrieben hat. Trotz gültiger Visa durften mehr als neunhundert jüdische Passagiere in Havanna nicht an Land gehen, auch die Vereinigten Staaten und Kanada verweigerten die Aufnahme der Flüchtenden. Schließlich musste das Schiff nach Europa zurückkehren, die Passagiere wurden auf die Länder Belgien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien verteilt und wenig später großenteils dort vom Zweiten Weltkrieg eingeholt. Bei Alan Gratz kann Familie Landau nicht verhindern, dass sich der verzweifelte Vater vor Havanna über Bord stürzt. Später wird die restliche Familie auf der Flucht durch Frankreich Richtung Schweiz von SA-Leuten gestellt.

          Von einem Spannungshöhepunkt zum nächsten

          Isabels Vater hatte schon einmal versucht, mit einem Boot nach Florida zu flüchten, war von der kubanischen Marine aufgegriffen und für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt worden. Als er sich an Unruhen in Havanna 1994 beteiligt und Polizisten auffällt, ist klar, dass er es abermals versuchen muss. Kurz darauf kündigt der kubanische Präsident Castro in einer Fernsehansprache an, jeder, der gehen wolle, dürfe das Land verlassen, und Isabel kann die ganze Familie überzeugen, gemeinsam zu fliehen. Den Vater der Nachbarsfamilie, in deren selbstgebautem Boot sie mitfahren dürfen, kann sie noch retten, als er über Bord geht. Ihr bester Freund Iván wird die Flucht nicht überstehen und ihr Großvater nur mit Selbstaufopferung erreichen, dass die restlichen Fliehenden nicht im letzten Moment noch erwischt und zurückgeschickt werden.

          Mahmouds Familie hingegen kämpft sich auf der Balkan-Route nach Deutschland durch. Sie verlieren das Auto, das meiste Geld, auf dem Meer schließlich die kleine Schwester, werden ausgenommen, erpresst, abgewiesen und eingesperrt. Als UN-Inspekteure das ungarische Flüchtlingslager einen Tagesmarsch von der österreichischen Grenze entfernt besuchen, ist es Mahmoud, der erkennt, dass die ungarischen Soldaten gerade ihrerseits unter Beobachtung stehen und sie nicht wie zuvor daran hindern können, die Lagerhalle zu verlassen.

          So mustergültig Alan Gratz auch versucht, seine jungen Helden durch Eigenheiten zu konturieren, so entschieden er auch Familienangehörigen Charaktermerkmale zuordnet, die er regelmäßig abarbeitet: In der Reihenschaltung seiner Erzählung tritt unerbittlich zutage, wie knapp die Mittel sind, mit denen der Autor etwa wachsende Verzweiflung oder das Gefühl der Ohnmacht vermitteln kann: Nur vier Seiten, nachdem Josef „vor Wut und Scham“ das Gesicht „heiß“ geworden ist, geht es Isabel wortwörtlich genauso. Statt das Einfühlungsvermögen seiner jugendlichen Leser anzuspielen, setzt Alan Gratz auf Spannung. Kaum ein Kapitel endet ohne Cliffhanger, die Leser werden regelrecht von Spannungshöhepunkt zu Spannungshöhepunkt gehetzt. Im Nachwort merkt der Autor schließlich an, für Isabels Flucht zwei tatsächlich Monate auseinanderliegende politische Ereignisse zusammengezogen zu haben, „um die Geschichte ereignisreicher und spannender zu gestalten“. Sorgfalt in der emotionalen Zeichnung und Geduld bei der Entwicklung der Geschichten hätten dem Buch eher gutgetan.

          Alan Gratz: „Vor uns das Meer“. Drei Jugendliche. Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Hanser Verlag, München 2020. 304 S., geb., 17,– €. Ab 12 J.

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