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Das Jugendbuch „Der Glücksfinder“ : Hoffnung bis zuletzt

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Bild: Carlsen

Wohin mit Hamayun? In „Der Glücksfinder“ lassen Edward van de Vendel und Anoush Elman einen sechzehn Jahre alten afghanischen Flüchtling erzählen.

          Hamayun hat Dinge erlebt, die sich hiesige Heranwachsende kaum vorstellen können. Nicht nur, dass Schläge in der Schule seiner Heimat zur Tagesordnung gehören, auch die Anwesenheit acht Jahre alter Grundschüler bei einer Hinrichtung sind Teil der harten Erziehungsmaßnahmen der Taliban, die seit Ausrufung eines radikalislamischen Staates im Jahre 1996 die Macht in Afghanistan an sich gerissen haben.

          Daneben ist Fußballspielen verboten, gilt Fernsehen als absolut verwerflich, und wer in der Öffentlichkeit ein Lied anstimmt, muss mit einer drastischen Strafe rechnen. Doch damit nicht genug: Hamayuns Vater sitzt seit einem Jahr im Gefängnis, nur weil er es gewagt hatte, Mädchen zu unterrichten. Und um ihn von dort wieder wegzuholen, muss die Familie erhebliche Einbußen in Kauf nehmen. Am Ende bleibt ihm und der Familie nichts anderes übrig als die Flucht, die sich mit Hilfe von Menschenschmugglern über viele Monate hinzieht und zeitweise albtraumhafte Züge annimmt. Sie endet nach unsäglichen Strapazen schließlich in den Niederlanden. Hier lebt bereits der vier Jahre ältere Bruder, der als unbegleiteter Flüchtling der Familie vorausgegangen war und inzwischen sogar eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt.

          Wenn die Familie Halt gibt

          Wir erleben all das aus der Perspektive des mittlerweile sechzehn Jahre alten Hamayun, der wirklich existiert - sein wahrer Name ist Anoush Elman - und zusammen mit dem niederländischen Jugendbuchautor Edward van de Vendel die Stationen seines abenteuerlichen Lebens aufgeschrieben hat. Nach geglückter Flucht könnte alles so schön sein - Hamayun und seine beiden jüngeren Geschwister dürfen endlich die Schule besuchen und finden rasch Freunde. Was der Familie aber fehlt, ist die rechtliche Anerkennung als Flüchtling, denn sie ist die Voraussetzung für ein dauerhaftes Leben in der freien Welt. Doch in Kabul hat inzwischen die Regierung gewechselt, und deshalb wird Antrag nach Antrag abgelehnt. Dabei hat der Vater allen Grund, auch den neuen Machthabern nicht wirklich zu trauen. Bei Hamayun führt das schließlich zu dem Eindruck, man wolle ihn in dem Land nicht haben. Die Folge ist eine Depression, aus der er nur wieder herausfindet, weil Freunde und eine Lehrerin den szenisch begabten Jungen dazu ermutigen, das Ganze zu einem Theaterstück zu verarbeiten.

          „Der Glücksfinder“ ist ein Buch, das man atemlos liest, weil es trotz des zermürbenden Geschehens einen liebenswürdigen Heranwachsenden schildert, der wie alle jungen Menschen seines Alters Flausen im Kopf hat und in der Lage ist, die harschen Prinzipien der Erwachsenen phantasievoll zu unterlaufen. Daneben aber begreift Hamayun, dass es vor allem die Familie ist, die ihm außerhalb seiner Heimat Halt zu geben vermag. So entwickelt er, als er die Hilflosigkeit seiner Eltern kaum mehr ertragen kann, so viel Verantwortungsbewusstsein, dass alle davon profitieren.

          Das alles ist in so frischen, lebensvollen Bildern geschildert, dass man nicht anders kann, als sich in den Jungen hineinzuversetzen und mit ihm auf einen glücklichen Ausgang seiner traumatischen Erlebnisse zu hoffen. Daneben ist „Der Glücksfinder“ ein Buch, aus dem man endlich Genaueres darüber erfährt, was es heißt, sein angestammtes Zuhause verlassen zu müssen, und auf welchen verschlungenen Pfaden Afrikaner, Russen, Rumänen und viele andere schließlich bei uns landen. Beide Autoren haben zudem eine Form gewählt, die den Fernsehgewohnheiten der jungen Leser entgegenkommt: szenische Momentaufnahmen, die besser als jeder Text tiefe Einblicke in eine andere Art zu leben ermöglichen.

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