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Sven Nordqvist: „Spaziergang mit Hund“. Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2019. 32 S., geb., 20,– Euro. Ab 5 J. Bild: Verlag Friedrich Oetinger

Bilderbuch von Sven Nordqvist : Blickfang für die Phantasie

Sven Nordqvist lässt ein Kind mit einem Hund Gassi gehen. Der normalste Vorgang der Welt wird in diesem Bilderbuch zum größtmöglichen Abenteuer, und das wortlose Werk macht uns sprachlos.

          Das Prinzip ist kein neues. Um nur den jüngsten unter den bekannteren Vorläufern zu nennen: Thé Tjong-Khings Bilderbuch „Die Torte ist weg“, erschienen im niederländischen Original 2004 und wenig später auch auf Deutsch, regte in doppelseitigen wortlosen Illustrationen, die man getrost als Wimmelbilder bezeichnen kann, zur Suche nach einem wiederkehrenden Element an: ebender titelgebenden Torte. Wobei viel interessanter als diese eine durchs ganze Buch erzählte Geschichte um das verschwundene Backwerk ihre Kombination mit Dutzenden weiteren kontinuierlich dargestellten Begebenheiten ist. Das Betrachten, Entdecken und Zusammenreimen hört nie auf, weshalb Thé Tjong-Khing seit 2004 noch drei Nachfolgebände zu „Die Torte ist weg“ zeichnete.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bei Sven Nordqvists „Spaziergang mit Hund“ geht es ähnlich zu. Der Titel verweist auf das kontinuierliche Element im Überschwang der Bilder: ein kleines, sehr aktives Kind, das einen großen, sehr wuscheligen Hund ausführt. Auf jeder Doppelseite kann man die beiden wiederfinden, teilweise gar mehrfach, weil sie die opulenten Szenerien, die Nordqvist dazu zeichnet, jeweils von links nach rechts durchqueren. Dabei sind sie oft derart klein dargestellt, dass man sich ordentlich anstrengen muss, um sie zu entdecken, aber die auffällige Kleidung des Kindes (blaue Hose, gelber Pullover, rote Mütze) ist ein ebenso sicherer Blickfang wie das weißfellige Wollknäuel von Hund. Und neugieriger, das merkt man als Betrachter sehr rasch, ist man ohnehin auf das, was sich rund um deren Spazierstrecke herum so alles abspielt.

          Der schwedische Zeichner Nordqvist, mittlerweile auch schon zweiundsiebzig Jahre alt, ist weltberühmt für seine Kinderbuchreihe um „Pettersson und Findus“. Darin hat er schon das Rezept entwickelt, das in „Spaziergang mit Hund“ zum Einsatz kommt, denn es gibt auch bei „Pettersson und Findus“ oft mehrmals beide Hauptfiguren auf einer (hier vergleichsweise kleinformatigen) Seite zu sehen; sie bewegen sich durch die detailreichen ländlichen Alltagsdekors und beleben damit das Geschehen. Allerdings kaprizieren sich diese Darstellungen meist auf die beiden Titelhelden, während sich in „Spaziergang mit Hund“ die Umgebung verselbständigt und in phantastische Welten mündet, die man als Ausdruck der kindlichen Phantasie des Gassigängers zu verstehen hat: So, wie sich Kinder aus gewöhnlichen Dingen eine zauberhafte Welt erschaffen, so führt auch dieser Spaziergang, der ganz gewöhnlich beginnt, schon auf der zweiten Seite in einen Bahnhof, dessen Ausfahrtgleis steil himmelwärts führt, um dann auf dem nächsten Bild (dem ersten doppelseitigen) als beeindruckendes Viadukt und anschließend wilde Serpentinenstrecke durch die Berge fortgeführt zu werden. Im Zug natürlich: Kind und Hund.

          Danach geht es in zoologische Gärten und Parklandschaften, die sich Hieronymus Bosch kaum bizarrer hätte ausmalen können (und sicher auch nicht so sympathisch). Die Zahl und Gestalt all der phantastischen Tierwesen, die Nordqvist auftreten lässt, hätte durchaus eine lexikalische Chronistin wie J. K. Rowling verdient – aber wozu sollte man denn katalogisieren, wenn man derartige Kreaturen in freier Wildbahn bestaunen kann? Etwa das Riesenkänguru, das eine Familie auf Ausflug, die auch von Volker Kriegel hätte gezeichnet sein können, in seinen Beutel einsteigen lässt; das spöttische Vogelsextett im Look von Animationsfiguren à la Disney, das seinen Schabernack mit den Passanten treibt; die verwinkelte dunkle Burganlage, die sich vor Piranesi verneigt; oder die Krocketspieler, die man nicht betrachten kann, ohne an „Alice im Wunderland“ zu denken.

          Aber diese von einer großen Internationale der Kindheitsfaszinationen inspirierten Figuren sind doch ganz Nordqvists Geschöpfe. Wenn er aber dann einen Künstlergiganten (oder besser: Gigantenkünstler) am Meeresufer zeigt, der sich hochkonzentriert bemüht, eine vor ihm liegende Insel wie aus einer Kleinkindzeichnung – kreisrundes Eiland, ein Häuschen mit Schornstein darauf, daneben ein winkendes Strichmännchen – akribisch abzumalen, dann verneigt sich der Illustrator mit dieser Szene vor der konkurrenzlosen Vorstellungskraft seiner jungen Leser. Das, was Nordqvist sich selbst davon bewahren konnte, hat ihm diese Bilderbuchidee eingegeben. Offensichtlich ist das viel.

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