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Das Bilderbuch „Schnipselgestrüpp“ : Doppelte Phantasie

  • -Aktualisiert am

Bild: Bajazzo

Alles, was der arme Junge hat, sind fernsehsüchtige Eltern, Langeweile und Zeitungen. Und seine Phantasie. In ihrem Bilderbuch „Schnipselgestrüpp“ vergolden Julia Friese und Christian Duda öde Tage. Werden wir also flugs zur Gottesanbeterin.

          Wozu Zeitungen außer zum Lesen so alles gut sind: zum Fensterputzen, als Malunterlage, für Papiermaché, Collagen. Wenn ein Kind gar nichts hat, und nur Zeitungen, die als Teppichersatz auf dem Boden liegen, dann wird die Zeitung sogar zum Spielzeug. So erzählt es jedenfalls „Schnipselgestrüpp“, das neue Bilderbuch von Julia Friese und Christian Duda. Ein Junge wächst in Armut, scheußlich grüngrauen Tapeten und unter andauerndem Fernsehgeräusch auf. Er zieht sich in sein Zimmer zurück und spielt. Mit Zeitungsschnipseln, die er an die Wand heftet. Schließlich gelingt es ihm, seinen Vater vom Fernseher in sein Phantasiespiel zu locken.

          In „Schnipselgestrüpp“ kann man miterleben, was Phantasie für ein Schatz ist, wie sie oft nur einen winzigen Schnipsel braucht, um zu einer wunderbaren Geschichte zu werden. In sparsamen, gut sitzenden Zeichnungen mit dem Kohlestift und gezielt eingesetzten Aquarellfarben entstehen die ausgedachten Welten des Jungen zunächst in Collagetechnik ganz realistisch an den grauen Wänden, um dann immer ausufernder, immer überbordender zu werden.

          Seite für Seite kann man sich immer mehr in die Faszination des Jungen hineinversetzen. Als er einen Artikel über Gottesanbeterinnen unter den Zeitungen entdeckt, beginnt er sich sofort festzulesen. Und man selber auch, denn über die Schulter des Jungen kann man die überraschend interessanten Sachtexte ebenfalls verfolgen. Nicht nur der Vater wird in die Welt des Jungen gezogen, auch der Leser.

          Vereint beim Fliegenfangen

          Frieses Seiten werden farbiger, wilder, phantasievoller. Bis hin zur Doppelseite, in der nichts mehr grau ist, sondern alles satt grün, und der Junge selber zur Gottesanbeterin wird. Erstmals tauchen hier knallige Farben auf, Rot und Rosa in Form von ausgeschnittenen Blumen und Schmetterlingen. Schon auf der nächsten Seite ist die Verwandlung wieder durchbrochen, der Alltag ist da, Maßstab und Proportionen sind wieder richtig, der Junge ist ein Junge, kein Insekt.

          Zum allerletzten Schluss aber sitzen Vater und Sohn als Gottesanbeterin und Frosch im Stockbett und fangen Fliegen. Und die Mutter, die sonst reglos vorm Fernseher sitzt, freut sich über eine Papierblume im Haar.

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