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Das Bilderbuch „Rositas große Reise“ : Ihr Lebenszweck ist mehr als Schweinespeck

Bild: Tulipan

Rosita ist ein Querkopfferkel. Das trägt ihr in dem Buch von Brigitte Endres die Verachtung der anderen Tiere ein. Und erspart ihr eine Reise mit gewissem Ausgang.

          Große Reise, das klingt so verheißungsvoll. Der ganze Bauernhof spricht davon, die Hühner, der Hund, die Kuh, und immer ist es mit einer Mahnung verbunden: Wenn das kleine Ferkel Rosita nicht ordentlich frisst, Speck ansetzt und stattdessen weiter so viel herumtobt und -turnt, muss es wohl zu Hause bleiben. Was es verpasst? Das kann nicht einmal der kenntnisreiche Kater so genau sagen, „aber es muss paradiesisch dort sein, noch nie ist ein Schwein zurückgekommen“.

          Auch wenn Rosita schließlich doch noch futtert, bis sie nicht mehr kann, auch wenn sie in der Nacht vor der großen Reise vom Schweineparadies träumt: Der Mann mit der rotverschmierten Schürze will sie nicht. Da hilft auch kein Radschlagen. Sie wird zum Gespött des ganzen Bauernhofs, zum letzten verbliebenen Schwein, untauglich für die Landwirtschaft. Und geht schließlich für ein paar Münzen an einen bunten Kerl mit Fiedel, der auf den Hof getanzt kommt und vom Ferkelflickflack ganz begeistert ist. Da haben sich zwei gefunden und ziehen fortan gemeinsam durch die Welt, zeigen ihre Kunststücke und schlafen nächtens im Freien, draußen vor der Stadt.

          Hört nicht auf sie!

          Den Lieferwagen, der die Schweine immer zu dieser großen Reise abholt, hat sich wohl noch keines der Tiere auf dem Bauernhof genauer angeschaut: Die Silhouette eines Rindskopfs ziert den Viehverschlag, darunter zwei gekreuzte Hackebeile. Überhaupt zieht sich eine Spur ungemütlicher Andeutungen durch „Rositas große Reise“, gerade fein genug, dass man sie auch übersehen kann, dabei aber doch so deutlich, dass mancher Vierjährige beim Vorlesen wohl wissen wird, was die weitgereiste Fliege meint, wenn sie Rosita ein Glücksschwein nennt und ihr sagt, sie habe nichts verpasst. Und wessen Schinken in der Auslage des Schaufensters hängen könnte, an dem das Ferkel und sein Straßenkönig auf der zweitletzten der doppelseitigen Illustrationen von Susanne Straßer vorbeitanzen.

          Die Geschichte von Brigitte Endres hat durchaus das Zeug, familiäre Fleischverzichtsdiskussionen zu entfachen. Hartnäckige Diskussionen zumal, denn auch das können die Kinder von ihrem Identifikationsferkel lernen: wie man bei seiner Meinung bleibt und bei den eigenen Vorlieben, auch wenn man damit allein ist im ganzen Schweinestall. Dass man sich dem Konformitätsdruck zum eigenen Besten querköpfig widersetzen kann. Dass Ratschläge und Verheißungen auch mal in die Irre führen. Und sogar Kuh und Kater, Gänse, Hund und Huhn scheinen nicht recht zu glauben, dass sie das bessere Los gezogen haben, als sie Rosita bei ihrem Abschied vom Bauernhof hochmütig hinterherschauten: Dem letzten Bild der Geschichte - nur noch die Eule hält hier die Augen offen, auf dem Baum, unter dem sich die beiden Straßenkünstler aneinandergekuschelt haben - lässt Susanne Straßer noch eine erhellende Doppelseite folgen, auf der - hallo, wach! - die sechs nun ihrerseits ein paar Kunststücke einstudieren. Nur für den Fall, dass noch einmal so ein Straßenkünstler auf den Hof kommt. Wir müssen sagen: Sie machen ihre Sache gar nicht schlecht.

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