https://www.faz.net/-gr3-9dpz8

Oliver Jeffers: „Hier sind wir“. Anleitung zum Leben auf der Erde. Nord-Süd Verlag, Zürich 2018. 48 S., geb., 16,– Euro. Ab 4 J. Bild: Nord-Süd Verlag

Oliver Jeffers’ „Hier sind wir“ : Die Zeit ist vorbei, bevor du es merkst

Verliebter Monolog mit Säugling im Arm: Das Bilderbuch „Hier sind wir“ von Oliver Jeffers ist weniger und mehr als eine Anleitung zum Leben auf der Erde.

          Vielleicht ist „Hier sind wir“ gar nicht unbedingt ein Bilderbuch, von dem die Kinder, mit denen es gelesen wird, so viel mehr haben als ihre Eltern. Ganz sicher ist es noch keines für den Säugling, an den sich der Vater in Oliver Jeffers’ Geschichte wendet, für den er diese „Anleitung zum Leben auf der Erde“ verfasst. Der australische Illustrator hat sein neues Werk seinem Sohn Harland gewidmet, geschrieben hat er es in den ersten zwei Monaten als dessen Vater, als er versuchte, sich „auf das Ganze einen Reim zu machen“.

          Und das Ganze ist ganz schön viel: Gleich auf der ersten Doppelseite ist von Billionen Sonnensystemen die Rede, und kaum ist den staunenden Lesern „diese große Kugel, die im All schwebt und auf der wir leben“ als Erde vorgestellt worden, erfahren sie auch schon, wie weit der Mars, unser nächstgelegener Planet, von uns entfernt ist.

          „Wir sind glücklich, dass du uns gefunden hast“, schreibt Oliver Jeffers, „denn das Weltall ist wirklich groß.“ Und noch bevor der erzählende Vater in einer hinreißenden Mischung aus Akribie und Lakonie zeigt, wie unterschiedlich alles ist, das Land, das Meer und der Himmel, die Menschen und die Tiere, lange bevor die letzten Doppelseiten des Buchs diese umfassende Einführung mit einer wunderbaren Bildidee voller Zärtlichkeit auf den Boden des Kinderzimmers zurückbringen, deutet sich ein erstes Mal an, worum es dem Bilderbuchkünstler geht: um das Bezaubertsein von einem neuen Erdenkind, um das Ergreifende dieses Kontakts, um das in dieser frühen Zeit im Grunde lächerliche Bedürfnis, ihm alles zu zeigen und zu erklären, ihm die Welt vorzustellen, es der Welt vorzustellen, während es doch eigentlich nur unter dem Sternenmobile im elterlichen Arm liegt und schläft.

          Ein Rat für beide Lesergruppen

          „Hier sind wir“ ist der verliebte Monolog eines Vaters über dem Kind in seinem Arm, ein Buch, in dem sich viele Eltern wiederfinden werden, ein schönes Geschenk für frischgebackene Eltern, die sich in der ersten Zeit selbst neu einrichten müssen in einer Welt, in der „ganz klein“ und „ganz groß“ auf einmal eine neue Bedeutung bekommen haben. Und doch ist es nicht allein ein Buch für Eltern, schließlich geht es dem Erzähler nicht um sich, sondern um nicht weniger als die Welt - und das auf eine Art, die schon für Kinder im Alter von vier Jahren in ihrer Klarheit einleuchtend und in ihrer Nachdenklichkeit einladend sein wird. „Obwohl es uns schon ewig gibt, haben wir noch lange nicht alles verstanden“, heißt es an einer Stelle, „es gibt also noch viel für dich zu entdecken.“

          Da haben die jungen Leser bereits einiges entdeckt auf den Bildern von Oliver Jeffers: den Mann auf dem Hochrad oder den Dodo, das Baby, das nachts mit einem Hammer fuchtelt, während die Eltern seelenruhig schlafen - und viele Seiten vor Schluss in einem kleinen dunklen Fenster einer großen Stadt den Vater mit dem Kind unter dem Sternenmobile. Meistens vergehe die Zeit viel zu schnell, schreibt Jeffers zu diesem farbenprächtigen Bild: „Nütze sie, so gut du kannst. Sie wird vorbei sein, bevor du es merkst.“ Und spätestens dieser Rat gilt für beide Lesergruppen gleichermaßen: die kleinen Kinder, die sich gerade die Welt erschließen - und ihre Eltern, die sie dabei begleiten.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

          Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.