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Das Bilderbuch „Großer Wolf & kleiner Wolf“ : Eins auf der Zunge

Bild: Gerstenberg

Das ist Pech: Als der große Wolf dem kleinen das letzt Blatt vom verschneiten Winterbaum pflücken will, zerbricht es. Das Bilderbuch, das diese Geschichte erzählt, ist vielleicht das schönste aller Zuneigungsbücher zwischen Groß und Klein für die Kleinen.

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          Die Welt steht still auf der neunten Doppelseite: Mitten im Winter ist der große Wolf auf den verschneiten Baum geklettert, um dieses eine Blatt zu pflücken, auf das der kleine Wolf schon seit dem Frühjahr wartet. Der Kleine hat es essen, anschauen, berühren wollen, und der Große hatte ihn noch im Herbst zur Geduld gemahnt: Das Blatt werde schon noch herabfallen, zusammen mit all den anderen. Es ist aber, als einziges, einfach oben geblieben, und jetzt hat sich der große Wolf, „nur um die Augen des kleinen Wolfs leuchten zu sehen“, den eisigen, kahlen Baum hinaufgekämpft, ist den knackenden Zweig entlanggekrochen, an dessen Ende sich das Blatt klammert, will es pflücken - und es zerbricht. Es zerfällt in tausend rote und goldene Stäubchen, die langsam vom Himmel herabschweben.

          In phantastisch fahles Winterlicht hat der französische Illustrator Olivier Tallec die Szene aus Nadine Brun-Cosmes Geschichte „Großer Wolf & kleiner Wolf“ getaucht, hat Baum, Himmel, Sonne mit grobem Pinselstrich gemalt, den großen Wolf mit schwarzem Buntstift hineingekrakelt. Aus Untersicht, ziemlich klein, ganz weit oben auf dem Baum sehen wir ihn in diesem Bild: Wie er sich reckt, um nicht noch weiter auf den Zweig kriechen zu müssen, wie sein Körper sich spannt, um das Gleichgewicht zu halten, wie er, ungläubig noch, mit ausgestreckter Hand und großen Augen den Blattbruchstücken hinterherschaut. Das ist große Bilderbuchkunst.

          Und dann geschieht ein Wunder

          Natürlich hat dem großen Wolf das Herz bis zum Hals geklopft. Aber er ist weitergeklettert, weil er den Kleinen nicht enttäuschen durfte. Der Kleine hat sich sogar gesorgt um den Großen da oben auf dem Baum: Das war es doch nicht wert, für so ein kleines Blatt. Und jetzt ist alles umsonst. Alles aus.

          Aber keine Sorge: Dies ist ein wunderbares Buch, vielleicht das schönste aller Zuneigungsbücher zwischen Groß und Klein für die Kleinen. Der Bilderbuch-Bestseller „Weißt Du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ von Sam McBratney und Anita Jeram mit seinem seltsamen Liebesvergleichswettstreit zwischen Hase und Hase jedenfalls sieht daneben reichlich blass aus. Jetzt nämlich geschieht ein Wunder: Statt nach der Scham des Scheiterns auch noch die Enttäuschung des Kleinen ertragen zu müssen, erwartet den großen Wolf, als er es endlich wieder heruntergeschafft hat, ein strahlender Junge: Er habe noch nie so etwas Schönes gesehen, sagt ihm der kleine Wolf. Die Blattbruchstücke haben ihn wie Sterne umtanzt, eines ist ihm auf der Zunge gelandet, eines schwebte direkt vor seinen Augen, und eines kitzelte ihn an der Schnauze. Der große Wunsch des kleinen Wolfs hat sich gar nicht erfüllen müssen. Es genügt, dass der große ihn nicht in Vertröstung und Schulterzucken untergehen lässt. Beide lächeln. Und wir lächeln mit, zärtlich bezaubert.

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