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Das Bilderbuch „Applaus“ : Der Phantasie muss man Flügel machen

Baumkrone wird zu Vogelschwarm, Vogelschwarm zu Musik: Der Dirigent gibt den Takt an Bild: Laëtitia Devernay, Mixtvision

Drei tolle Ideen, kein Wort zu wenig, keines zu viel: Laëtitia Devernays Bilderbuch „Applaus“ entführt in die Baumkronen und zeigt, dass Vögel nicht nur zwitschern können.

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          Was für ein toller Einfall: Man macht ein hohes, schmales Bilderbuch über ein Thema, das mit Musik zu tun hat, und auf dem Umschlag findet sich nichts weiter als lauter locker gezeichnete Notenlinien sowie der Titel und der Name der Zeichnerin: „Applaus“ von Laëtitia Devernay. Der tolle Einfall besteht darin, mit dem Format alle Erwartungen zu unterlaufen, denn die Notenlinien sind wie üblich horizontal angelegt, sonst aber herrscht in diesem Buch extreme Vertikalität. Damit deutet die 1982 geborene Französin an, dass ihre Geschichte noch auf etwas ganz anderes zielt als nur die Musik, die dem Applaus des Titels vorausgeht: Sie zielt auf den Himmel. Doch dazu gleich mehr.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Denn zuvor der nächste tolle Einfall: Alles ist nämlich wieder ganz anders, sobald man das Buch geöffnet hat. Da laufen die Notenlinien des Einbands plötzlich senkrecht und werden durch eine leichte Einfärbung zu Baumstämmen. Schon scheint das hohe, schmale Format einen ganz anderen Sinn zu haben.

          Bis man umblättern will. Da kommt der dritte tolle Einfall: Man merkt, dass es keine einzelnen Seiten gibt, sondern sich das ganze Buch als Leporello entfalten lässt, dass also aus dem hohen, schmalen Buch bei vollständigem Ausfalten ein meterbreites Blatt wird, auf dem sich die ohne Worte, also nur mittels Bildern erzählte Handlung abspielt. Wir sind somit dreifach positiv überrascht, weil das Buch jeweils das Gegenteil von dem ist, was wir zuvor glaubten. Aber es gibt noch eine vierte Überraschung. Dazu später.

          Denn erst muss nachgeholt werden, was oben unterblieben ist: die Beantwortung der Frage, wovon „Applaus“ erzählt. Laëtitia Devernay lässt einen Dirigenten im Frack einen hohen Baum im Wald erklimmen. Oben angekommen, hebt er den Taktstock und beginnt sein Dirigat. Doch nicht Musik ertönt (wie sollte sie es auch, wenn hier ohne Worte oder auch nur Symbole erzählt wird?), sondern ein paar Vögel lösen sich aus der dunklen Baumkrone. Es werden immer mehr, sie füllen den Himmel über dem Wald, bekommen Verstärkung aus den benachbarten Baumkronen, und der Dirigent leitet sie zu rhythmischen Flugbewegungen in gigantischen Schwärmen an. Zugleich sind die dunklen Baumkronen alle hell geworden, denn die Vögel hatten zuvor deren Belaubung gebildet. Das ist der graphische Kniff dieses Buchs: Die optische Ähnlichkeit von Blättern und Vögeln und ihr Herumwirbeln in der Luft nimmt Laëtitia Devernay ernst und lässt beide - Blätter und Vögel - in eins fallen. Das ergibt Bilder von großer Schönheit und Eleganz. Am Schluss seines Dirigats steigt der Dirigent wieder hinunter und pflanzt seinen Taktstock in den Waldboden. Alsbald sprießen aus dem toten Holz neue Vogelblätter oder Blättervögel.

          Eine hinreißende poetische Idee, und doch ist die vierte Überraschung, die dieses Buch bereitet, eine unerfreuliche. Wenn man nämlich das ausgefaltete Leporello betrachtet, stellt man fest, dass jedes Seitensegment daraus nicht zum nächsten passt. Was soll also das Leporello-Prinzip? Grandios wäre gewesen, wenn sich durchs Ausfalten eine große fortgesetzte und optisch ineinandergreifende Geschichte ergeben hätte. Aber so, wie es ist, steht jeder Abschnitt des neun Meter breiten Faltblattes nur für sich selbst, nicht als Teil des Ganzen. Da hätte man auch klassische Seiten verwenden können, und man hätte zwar einen Aha-Effekt verloren, sich aber auch die Schlussenttäuschung gespart. Schön bleibt das im kleinen Verlag Mixtvision erschienene Buch dennoch. Aber wie viel schöner wäre es, wenn Form und Inhalt sich ergänzten.

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