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Cornelia Funkes „Reckless“ : Gegen das Goldene Garn sind auch Feen machtlos

Jacob Reckless, wie Cornelia Funke ihn sieht. Bild: Reckless – Das goldene Garn ©Dressler Verlag / Cornelia Funke

Auch in der Welt der Märchen muss für alles bezahlt werden, für Schönheit zuallererst: In ihrem dritten Buch aus der Spiegelwelt spielt Cornelia Funke mit Motiven aus dem Osten.

          4 Min.

          Dass Nerron, der steinhäutige Schatzjäger und Doppelagent, die Beherrschung verliert, kommt selten vor. Nun aber schwelgt er in Phantasien vom Aufschlitzen und Häuten, vom Verbrennen seiner Gegner und von grusligen Strafen für diejenigen, die in einer leeren Welt noch von Wundern faseln: „Man sollte es verbieten, dass Kindern Märchen erzählt wurden. Man sollte jedem, der es tat, die Zunge herausschneiden!“

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Wie allzu oft speist sich eine solche Suada auch in diesem Fall aus enttäuschter Liebe, hier aus Liebe zum Wunderbaren, und damit bringt Nerron, eine der prägnantesten Gestalten unter den vielen, die Cornelia Funkes neuestes Buch bevölkern, das Dilemma der dort beschriebenen Parallelwelt auf den Punkt: „Reckless - Das Goldene Garn“ heißt der Roman, heute erscheint er, und wie er als dritter Band die Geschichte weitererzählt, die Funke vor gut vier Jahren begonnen hat, beeindruckt durch seltene Konsequenz und überlegene Komposition.

          Einhörner, Feen, Unholde, Wassermänner, Baumwesen ...

          Es geht darin um das Brüderpaar Jacob und Will Reckless, das seinem Vater durch einen verzauberten Spiegel aus dem New York unserer Gegenwart in eine Welt folgt, die durch Märchenmotive und -gestalten strukturiert wird. Es treten auf: Einhörner und Feen, Zwerge, Unholde, Wassermänner, Baumwesen, Menschen aus Stein, die man hier Goyl nennt, sowie die ihnen hilflos unterlegenen Menschen aus Fleisch und Blut. Und natürlich ihre Accessoires - eisenhartes Rapunzelhaar, magische Tränke, winzige Beutel, in denen riesige Gegenstände verschwinden und dergleichen mehr. Sie sind ein prächtiges Hilfsmittel für diejenigen, die sie zu gebrauchen wissen, äußerst gefährlich für alle anderen und ungemein attraktiv für die vielen Schatzjäger, unter denen Jacob Reckless bald der berühmteste ist.

          Jacob Reckless, einer der beiden Brüder.
          Jacob Reckless, einer der beiden Brüder. : Bild: Reckless – Das goldene Garn ©Dressler Verlag / Cornelia Funke

          Der gerät im ersten Band in ein heilloses Durcheinander, weil er seinen sanften Bruder Will vorm Versteinern retten will und mit seinem Leben dafür bezahlt. Wie oft im Werk Cornelia Funkes, etwa in der phänomenal erfolgreichen „Tintenwelt“-Trilogie, ist aber der Tod nicht das Ende, sondern im günstigeren Fall eine Art Zwischenstation - Jacob kommt zurück, nimmt aber dafür magische Praktiken in Kauf, die ihn noch tiefer in die Verzweiflung stoßen. Er schließt ein Abkommen mit einer besonders zwielichtigen Gestalt, dem Erlkönig, dem er dafür sein künftiges erstgeborenes Kind verspricht.

          Amalie vor dem Zauberspiegel

          Denn auch in der Welt der Märchen muss für alles bezahlt werden, für Schönheit übrigens zuallererst. So sitzt nun die puppengesichtige Königstochter Amalie vor dem Zauberspiegel, befragt ihn ganz klassisch, wer denn wohl „die Schönste im ganzen Land“ sei, und weiß, dass es das Verdienst ihrer Mutter ist, wenn die Antwort „natürlich Ihr, Prinzessin“ lautet - ihre Mutter hatte ihr in jungen Jahren das hübsche Gesicht, das sie nun trägt, „gekauft“. Das ist nur ein Element von vielen in dem Verweissystem zwischen jener und unserer Welt, und es scheint, als arbeite die Autorin, je weiter die Geschichte vorankommt, immer emsiger daran, die Grenze der beiden Sphären als äußerst durchlässig zu zeichnen. Die Märchenwelt jedenfalls ist gründlich kontaminiert mit dem Technikwissen, das Grenzgänger wie der Vater der Brüder Reckless dorthin mitbringen, und umgekehrt - dies wird im aktuellen Band sehr deutlich - trifft man in unserer Welt durchaus Gestalten, die jene andere freiwillig oder (wie etwa der Erlkönig) erzwungen verlassen haben.

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