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Jugendroman „Echt“ : Rolltreppe aufwärts

  • -Aktualisiert am

Christoph Scheuring:; „Echt“. Roman. Magellan Verlag, Bamberg 2014. 255 S., geb., 14,95 €. Ab 14 J. Bild: Magellan Verlag

Das Mädchen mit den Hooliganhänden: Christoph Scheurings Roman „Echt“ ist eine Studie unter Jugendlichen am Großstadtbahnhof mit zarter Liebesgeschichte.

          Hier ertönt vielleicht ein fernes Echo von Heinrich Bölls Figur Hans Schnier („Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke“): Albert ist sechzehn, treibt sich am Hamburger Hauptbahnhof herum und sammelt Abschiede. Er fotografiert fremde Menschen, die sich dort Lebewohl sagen, weil ihm in diesen Augenblicken das Leben besonders wahrhaftig erscheint. Durch sein Hobby macht er sich aber auch der Polizei verdächtig und gerät so in Kontakt mit den Dauerverdächtigen der Bahnhofsszene - ein guter Aufhänger für eine abenteuerliche Milieustudie nebst Liebesgeschichte über soziale Grenzen hinweg. Denn Albert, der allein bei seinem Vater, aber doch sehr behütet in Blankenese lebt, trifft in diesem Buch auf die durchgebrannte Kati, die in U-Bahn-Tunneln zu Hause ist und auf einem alten Boot übernachtet. Ihr trauriges Familiengeheimnis lüftet sich erst allmählich. Bis es dazu kommt, sammelt Albert allerlei neue, grundstürzende Erfahrungen zwischen Drogensüchtigen und Obdachlosen, allen voran die Liebe zu dem Mädchen mit rauhen „Hooliganhänden“ und dennoch zarter Seele.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Vergleich mit Klassikern der Jugendliteratur zu den Themen Sucht und Verwahrlosung (die Geschichte der Christiane F. und der „Kinder vom Bahnhof Zoo“, Hans-Georg Noacks „Rolltreppe abwärts“) ist Christoph Scheurings Roman aber mehr als nur eine Aktualisierung: Es gelingt ihm en passant auch noch, eines der brisantesten Themen für heutige Jugendliche einzuflechten, nämlich den Bilderwahn der Handygesellschaft und die Möglichkeit, mit Bildern Menschen zu erpressen.

          Scheuring ist ein für seine Reportagen mehrfach ausgezeichneter Journalist. Seine Erfahrung kommt dem Roman in Form knallharter Sachlichkeit und zugespitzter Dialoge zugute, äußert sich aber manchmal auch in „Erkenntnissätzen“, die seine jungen Protagonisten etwas arg reif erscheinen lassen - etwa wenn der Erzähler wie ein alter Hase über Fotografie spricht oder Kati auf einer Brücke stehend sagt: „Oben hat Alleinesein immer etwas Erhabenes.“

          Daran sieht man nicht nur die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur, sondern kommt auch auf die alte Frage, ob poetischer Realismus seine Figuren gegen die Wahrscheinlichkeit denken und sprechen lassen darf. Angesichts sehr vieler fader Dialogromane, die über eine naturalistische Milieuschilderung nicht hinauskommen, kann man zur Abwechslung diese leicht überhöhte, aber dafür auch umso interessantere Erzählung nur begrüßen. Auch wenn am Ende bei weitem nicht alles gut ist, besteht immerhin Hoffnung für die Liebe, deren Aufkeimen gegen alle Vorzeichen man voller Empathie verfolgt.

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