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Chris Priestley: „Modermoor Castle – Die Jagd nach dem verschwundenen Löffel“. Mit Bildern des Autors. Aus dem Englischen von Siegrid Ruschmeier. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt 2018. 272 S., geb., 14,– Euro. Ab 10 J. Bild: Fischer Sauerländer

Chris Priestley Schauersatire : Kombinieren bis zum Kopfschmerz

Erst einmal geht es nur um einen mickrigen kleinen Löffel, den größten Schatz der Schule, der abhandenkam: Mit „Modermoor Castle“ beginnt Chris Priestley eine Reihe sehr spezieller Internatsgeschichten.

          Im Lauf der Zeit landen wir alle in der Besteckschublade der Geschichte. Jedenfalls die meisten von uns, wie ein vergessener Löffel, der einst in hohen Ehren gehalten wurde.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Abgesehen von der wundervollen Poesie, die in diesem Satz schwingt, spricht doch auch eine gewisse Nüchternheit aus diesen Zukunftsaussichten. Beides ist recht erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass es Jungs um die zwölf sind, die sich über derlei tiefschürfende Belange austauschen. Andererseits: Es handelt sich bei den beiden Jungs schließlich um Arthur Mufford (von den Muffords aus Berkshire) und um Algernon Spongely-Partwork . Zwei Jungs, die es durchaus mit Kopfschmerzen bezahlen müssen, wenn sie ihre kleinen grauen Zellen mal ein bisschen strapazieren. Und die brillante Erkenntnis von der Besteckschublade der Geschichte erlangen sie nirgendwo anders als im Herzen von Modermoor Castle, der Schule „für die nicht besonders hellen Kinder aus nicht besonders reichem Hause“.

          Die aber sind allemal gescheiter als die absonderlichen Lehrer, die sich bereit erklären, in der düsteren Schule am Ende der Welt, zwischen den Bergen Pug’s Peak und Pig’s Peak, zu unterrichten. Nicht nur der fiese Sportlehrer namens Mr. Stupido wird im Lauf der Geschichte seinem Namen alle Ehre machen. Es gibt auch einen Mr. Luckless und einen Pastor Brimstone, und dass es der Physiklehrer Mr. Particle ist, der verschwand – nun ja.

          Warum zücken sie nicht einfach ihr Smartphone?

          Zugegeben, diese Namen plus die Tatsache, dass Mufford und Sponge, wie er abgekürzt wird, in einem englischen Internat unterrichtet werden, in dem man sich ausdrücklich nicht mit Vornamen anspricht, könnten den ein oder anderen dazu verleiten, auf die falsche Fährte zu geraten. Das ist lässlich, es passiert den Insassen dieses Gemäuers auch. Bis sie auf eine Zeitreisemaschine und eine ebenso merkwürdige neue Lateinlehrerin treffen, die das Englische – noch – nicht beherrscht und in die binnen kürzester Zeit alle Lehrer verschossen sind. Denn, merke: Die Liebe, sie ist groß wie ein Elefant und dazu weich wie eine Ente.

          Dabei geht es, erst einmal, nur um einen mickrigen kleinen Löffel, den größten Schatz der Schule, der abhandenkam. Und wer sich wundert, warum die Jungs in brenzligen Situationen nicht einfach ihr Smartphone zücken, wird am Ende noch eine weitere witzige Volte erleben.

          Eine spürbare Lust am Erfinden und Finden

          Chris Priestley, Autor der kleinen Serie „Maudlin Towers“, die nun unter dem seltsam sprachgemischten Namen „Modermoor Castle“ auf Deutsch erscheint (der zweite Band kommt im Frühjahr), macht sich in seiner düsteren Gespenster- und Diebstahlgeschichte einen helllichten Spaß daraus , jede unserer Voraussetzungen ins Wackeln zu bringen. Dass der 1958 geborene Priestley viele Jahre lang Karikaturist für Tageszeitungen war, bevor er, genau 20 Jahre ist das her, auch das Schreiben begonnen hat, macht sich darin ganz offenkundig bemerkbar. Er ist ein Meister des Hintersinns, was ein guter Karikaturist notwendigerweise sein muss. Dazu verfügt er ganz offenkundig über reiche Kenntnisse der klassischen britischen Boarding-School-Literatur, die auf Deutsch jahrzehntelang im Grunde nur in der Form von „Hanni & Nanni“ gelesen worden ist – bis „Harry Potter“ kam und uns zumindest in der Zaubervariante dieses Genre vorgeführt hat. Wer Motive aus dieser Vorlagensammlung kennt und schätzt, wird deutlich mehr Spaß und doppelte Böden in Modermoor finden.

          Mit „Harry Potter“ hat Priestleys erster Band „Die Jagd nach dem verschwundenen Löffel“ unter anderem die Möglichkeit der Zeitreisen gemein. Ansonsten aber hat der 1958 geborene Brite eine ausgesprochene Affinität zur Schauerliteratur, der er bereits mehrere Bände für unterschiedliche Altersgruppen gewidmet hat, einige wenige nur sind auch auf Deutsch erschienen. So lag es nahe, seine Kenntnisse und Fähigkeiten endlich zu bündeln. Herausgekommen ist eine von Priestley wunderbar selbst illustrierte und für die deutsche Ausgabe mit einigen kleinen Extragags versehene Internatsschauersatire, die flott erzählt , wie zwei schulische Außenseiter nicht nur die „Jagd nach dem verschwundenen Löffel“ für sich entscheiden, sondern auch zwei Gespenster finden, ein Rätsel lösen und einen Mordfall noch dazu.

          Priestley erzählt das lakonisch, eher konservativ, und doch mit einer spürbaren Lust am Erfinden und Finden von Szenen, die vor Komik und Hintersinn sprühen. Die gewitzten Dialoge dürften alle Leser von ungefähr zehn Jahren an faszinieren, die Freude an der Sprache haben und sich gern gruseln möchten – aber bitte nicht zu viel. Modermoor Castle ist nichts für „nicht besonders helle“ Leser – aber die gibt es ja bekanntlich genauso wenig wie Gespenster und Schullöffel.

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