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Chen Jianghongs Bilderbuch „An Großvaters Hand“ : Ins Zeichnen gerettet

Bild: Moritz

Ein Geniestreich als Bilderbuch: Chen Jianghong erzählt von der ganz großen chinesischen Politik aus der Sicht eines ganz kleinen Kindes.

          Was ist das, die Kulturrevolution? Chen Jianghong weiß es nur zu genau, denn er war dabei, mittendrin, ein Kind von drei Jahren, als es losging, und ein Knabe von dreizehn, als der Spuk endlich vorbei war. Da war China ein anderes Land geworden, und der Einzige, der aus der Sache unbeschädigt herauszukommen schien, hieß Mao – jener Mann also, der den permanenten Ausnahmezustand, der mehrere hunderttausend Menschen das Leben und Millionen ihre Existenz gekostet hat, ausgelöst hatte. Aber auch Mao, ein mittlerweile Zweiundachtzigjähriger, war im September 1976 schließlich tot. Wäre er nicht gestorben, hätte die Kulturrevolution damals wohl noch nicht ihr Ende gefunden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So viel zur Geschichte, wenn man darunter bloßes Zeitgeschehen versteht. Wie erzählt man das aber als Geschichte in einem Bilderbuch? Chen tut es auf die einzige Weise, die für Kinder fassbar ist: aus der Sicht des Kindes, das er selbst war, als Knirps, der mit breitem Lächeln auf dem Titelbild zum Opa aufschaut, dessen große Hand die kleine des Enkels fest umschlossen hält. Über den beiden steht der Buchtitel: „An Großvaters Hand“. Das ist der Inbegriff familiärer Sicherheit.

          Genau sie ging in der Kulturrevolution verloren. Chens Vater wurde 1967 zur Umerziehung aufs Land geschickt, und der Großvater starb 1971. Da war Chen Jianghong der einzige Mann in der Familie – ein Zweitklässler, der gerade Rotgardist geworden war.

          Kein Mao im Titel

          Als der sitzt er auf einem anderen Titelbild: dem der französischen Originalausgabe des Bilderbuchs. Man muss die beiden Umschläge vergleichen, denn stünde nicht derselbe Verfassername darauf, glaubte man nicht, dass es sich um dasselbe Buch handelt. Die französische Ausgabe heißt „Mao et moi“ (also „Mao und ich“, aber das klingt auf Französisch weitaus besser), und ihr Titelbild zeigt den kleinen Chen in Gardistenuniform bei der Lektüre einer Mao-Bibel vor einem riesigen Mao-Porträt.

          Warum hat der Moritz Verlag, bei dem mit einer einzigen Ausnahme alle deutschen Übersetzungen der Bilderbücher des seit 1987 in Paris lebenden Chen Jianghong erschienen sind, diese Änderung von Titel und Umschlagzeichnung vorgenommen? Weil „Mao et moi“ schon in Frankreich auf Bedenken stieß, wie sich Chen Jianghong erinnert: Das Buch könne als zu politisch verstanden werden, obwohl es doch eine ganz private Geschichte erzählt, und dadurch die Eltern vom Kauf abschrecken. Erfreulicherweise geschah nichts dergleichen, aber auf dem weniger experimentierfreudigen deutschen Kinderbuchmarkt wollte der Moritz Verlag kein Risiko eingehen.

          Das schiere Kinderglück

          Und er hat recht, denn der Titel „An Großvaters Hand“ trifft die Stimmung des Buchs besser, auch wenn „Mao et moi“ den Einfluss, den ein Machthaber auf das Leben eines Kindes haben kann, von dessen Existenz er nichts weiß, wunderbar in Worte fasst. Denn natürlich hat der kleine Chen den Großen Vorsitzenden nie getroffen. Aber er musste nach dessen Vorstellungen leben, und die hatten nichts mit denen des Jungen zu tun.

          Am Beginn des Buchs zeichnet Chen seiner nordchinesischen Heimatstadt Tianjin ein Idyll ins Herz – ganz buchstäblich, denn die braunen oder blaugrauen Wände der großen Wohnblocks werden aufgehellt durch bunte Teppiche, getuschte Rollbilder oder einen einzelnen roten Lampignon. Das alte China setzt sich hier noch gegen die politisch verordnete Moderne durch, und in ihrer kleinen Wohnung lebt Chens Familie nach altem Brauch im Generationenverband: die Eltern, die Großeltern, zwei ältere Schwestern und Chen Jianghong selbst. Eine der Schwestern ist taub, doch sie lehrt den jüngeren Bruder Gebärdensprache, um mit ihm reden zu können – und das Zeichnen. Es ist das schiere Kinderglück.

          Sein persönlichstes, sein spannendstes und weisestes Buch

          Doch alles, was der Familie lieb ist, wird ihr in den Jahren der Kulturrevolution genommen. Nicht nur der Vater, auch die Bücher, die Bilder, die Haustiere, die Jiaozi (gefüllte Teigtaschen), die freundliche Nachbarin. Chen erzählt von einem politischen Terror, dem er als Junge ratlos gegenüberstand: zu Hause konfrontiert mit dem Leid der Erwachsenen, in der Schule indoktriniert durch die Roten Garden und dank seines Zeichentalents schließlich als Achtjähriger zum Chefredakteur einer Wandzeitung erhoben. Auch das war Kinderglück.

          Chen bezieht dabei keine Stellung, er sieht mit den Augen und aus der tiefen Perspektive des Kindes auf eine Welt, die von oben umgekrempelt wird. Es gibt kaum konkrete Zeitangaben im Buch, man sieht den Jungen wachsen, immer wieder heißt es lediglich „eines Tages“, dann ist es nach 75 Seiten plötzlich Herbst 1976, und der Vater kehrt zurück: „Als Geschenk brachte er mir vier Bände der Schriften Maos mit. Er wirkte erschöpft und war stark gealtert.“

          So lapidar erzählt Chen Jinaghong, doch über diese knappen Sätze setzt er höchst beredte Bildsequenzen, die weit darüber hinaus erzählen. Dabei macht er sich das ästhetische Prinzip des Comics noch mehr zunutze, als das in den letzten Jahren bei diesem Illustrator schon der Fall war. „An Großvaters Hand“ ist sein Meisterwerk – das persönlichste, das spannendste und das weiseste Buch in einer ganzen Kette von Werken, die alle auch mit Recht schon so genannt werden konnten. Aber hier erzählt Chen nicht nur von seiner Kindheit, sondern nachträglich auch noch einmal um sein Leben. 1976 wurde es gerettet. Mit dem Ende der Kulturrevolution begann der Weg eines Künstlers, der sich all das zurückgezeichnet hat, was Mao ihm verbieten wollte.

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