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Mao-Biographie für Jugendliche : Konsequente Dekonstruktion eines Idols

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Charlotte Kerner: „Rote Sonne, Roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2015. 314 S., geb., 19,95 €. Ab 14 J. Bild: Beltz & Gelberg

Wie der Traum der Kulturrevolution in einen Albtraum der Zerstörung und Entwurzelung mündete: Charlotte Kerner hat eine fesselnde Mao-Biographie für junge Leser verfasst.

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          „China“ war für die deutsche Studentenbewegung ein Sehnsuchtsort, klang nach Umsturz und revolutionärer Riesenparty. Mao-Poster zierten WG-Wände, die Mao-Bibel war kultiges Protestsymbol. Jetzt richtet sich eine Biographie des Revolutionärs mit aktuellem Wissensstand an die Enkel der Achtundsechziger und Jugendlichen von heute. Sie ist eine desillusionierende Reise durch Chinas Geschichte im Spiegel der Karriere Mao Tse-tungs (1893 bis 1976) als Ikone des Aufbegehrens und Despot, zwischen Mythos und Marke.

          Charlotte Kerners angenehm ideologiefreie Entwicklungsgeschichte eines Kommunisten zeigt Maos nach Ende des Kaiserreichs einsetzende Politisierung anhand früher Lektüren wie Darwin, Mill und Smith. In seiner Zeit als Hilfsbibliothekar an der Pekinger Universität lernte er Marxisten kennen, 1919 dann die „Bewegung des 4. Mai“ mit dem Ideenpaar „Mr. Democracy and Mr. Science“. Kerner verfolgt die Radikalisierung des Bauernsohns aus Hunan und Mitbegründers der KP Chinas zwei Jahre darauf als Teil einer gesellschaftlichen Rebellion und als Suche nach einem chinesischen Weg: Maos Vorbilder, wenn er von „Massen“ sprach, waren Bauernrevolten, die immer wieder Dynastien stürzten.

          Eine ideologische Sämaschine

          Das Buch bringt den Lesern den zeitgenössischen Politjargon wie Haupt- und Nebenwidersprüche näher; so war der Klassenkampf in der Gesellschaft Chinas dem Abwehrkampf gegen Japan nachgeordnet, der zu brüchigen Allianzen mit den Nationalisten der Kuomintang-Partei führte. Es zeigt, wie nach der Vertreibung durch die Nationalisten der „Lange Marsch“ der Jahre 1934 und 1935 zur Gründungslegende wurde, auch wenn er eigentlich ein Rückzug war und Mao ihn teils in der Sänfte zurücklegte. Obwohl nur ein Zehntel der Kämpfer im Stützpunkt Yan’an ankam, war der Marsch für Mao eine „ideologische Sämaschine“.

          Dem „Demokratiegefühl“ und Pfadfindergeist von Yan’an, wo die Führungsriege von Tschou En-lai bis Lin Biao lebte, standen die „Front der Feder“ und die „Armee Kunstschaffender“ gegenüber, die Mao zur berüchtigten „Aussprache in Yan’an über Literatur und Kunst“ lud.

          Renaissance als Schlüsselanhänger

          Nach der Kapitulation Japans, dem gewonnenen Bürgerkrieg und der Gründung der Volksrepublik 1949 verschrieb sich Mao - zunächst ideologisch motiviert, dann vermehrt zum Machterhalt - kompromisslosen Landreformen, Sozialexperimenten, Gesinnungskampagnen und dem Aberwitz permanenter Revolution. Kerner erzählt den „Großen Sprung nach vorn“ (1958 bis 1961) - als Landwirtschaft und Schwerindustrie mittels riesiger Volkskommunen, die Hochöfen zur Eisenverhüttung bauten, angekurbelt und Industriestaaten überholt werden sollten, tatsächlich aber epochale Hungersnöte ausgelöst wurden - als Geschichte von falschem Stolz, denn Weizenimport aus kapitalistischen Ländern kam nicht in Frage. Die These vom zig-Millionen-fachen Mord im Kampagnenwahn beantwortet das Buch mit Verweis auf vernachlässigte Macht, fahrlässige Entfesselung und versäumte Menschenpflicht. Es zeigt das Dilemma der Revolutionäre, die, verstrickt in fixen Ideologien und Visionen vager Paradiese, „eine mörderische Bilanz der Gewalt präsentieren“.

          Kerner erklärt, wie der Traum der Kulturrevolution in einen Albtraum der Zerstörung und Entwurzelung mündete und Maos Zöglinge zur „verlorenen Generation“ wurden. Sanft dekonstruiert sie Moden und Accessoires der Revolution wie das „Rote Buch“ als politisches Make-up - „man ging nie ohne“. Und der Mao-Anzug als vermeintliches Schnittmuster der Revolution gehe vielmehr auf den Republikgründer Sun Yatsen zurück. Heute ist die Zeit der Revolte in Ost und West Souvenir. „Rote Lieder“ erklingen in den Discos Schanghais, Maos Geburtshaus in Shaoshan ist Zentrum eines Revolutionstourismus. Mao erfährt Renaissancen als Schüsselanhänger oder gar auf Geldscheinen. So wird Mao als Maskottchen, allen ideologischen Kontexts und Grauens beraubt, als Ironie der Geschichte wieder massentauglich.

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