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Kinderroman „Bruder Wolf“ : Indianerhäuptling Schwarzer Elch lügt

Carla Maia de Almeida: „Bruder Wolf“. Mit Bildern von Jorge António Goncalves. Aus dem Portugiesischen von Claudia Stein. Verlag Fischer Sauerländer, Frankfurt 2016. 176 S., geb., 14,99 €. Ab 12 J. Bild: Fischer Sauerländer

Die Familie ist zerbrochen, die Träume werden verzweifelt: In ihrem Kinderroman „Bruder Wolf“ schickt Carla Maia de Almeida Vater und Tochter einer letzten Hoffnung hinterher.

          2 Min.

          Auf eine Expedition zu gehen, weiß Bolota mit ihren gerade einmal acht Jahren, das ist so ähnlich, wie ein Abenteuer zu erleben, bloß gefährlicher und mit mehr Überraschungen. „Wir werden an Orte kommen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist“, hat ihr Vater ihr gesagt, „bis wir schließlich unser Schicksal finden.“ Ihr Schicksal? „Das ist der Ort, wo wir hingehören. Unser Zuhause.“

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Expedition, das ist in Carla Maia de Almeidas Kinderroman „Bruder Wolf“ ein Roadtrip durch das Portugal der jüngsten Wirtschaftskrise, die Bolotas Vater wohl den Job gekostet hat, ihre Mutter zwingt, nun auf dreierlei Weise Geld zu verdienen, und die fünfköpfige Familie immer wieder umziehen lässt, bevor sie schließlich auseinanderbricht. Dass der Vater sich jetzt allein mit seiner Jüngsten auf den Weg gemacht hat, ist kein gutes Zeichen, der Leser erkennt es peu à peu, wie er auch die Vorgeschichte der Reise in geschickt gesetzten Rückblenden aus der Sicht der heute fünfzehn Jahre alten Erzählerin erfährt. Bolota hat sich auf die Expedition mit ihren Zwischenstopps bei alten Bekannten und alten Verwandten eingelassen, von denen sich der Vater Geld leiht oder Schmuck nimmt. Was soll sie auch tun? Wenn er nur der „Schwarze Elch“ bleibt und nicht zum „Mann aus Eis“ wird: der gutmütige Indianerhäuptling und nicht der bedrohliche, abweisende Schweiger.

          Als ihm Bolota schließlich doch sagt, dass sie nach Hause, dass sie nicht mehr Expedition mit ihm spielen will, sind die beiden fast am Ende ihrer gemeinsamen Reise angekommen. Und haben das Ziel schon hinter sich: ein altes Haus, in dem alles gut wird, wie Schwarzer Elch erst der ganzen Familie, dann nur noch Bolota versprochen hat, in dessen Garten die Rosen, die Schaukel, der Pool von Versprechungen des Vaters längst zu Erwartungen des Kindes geworden sind. Was sie schließlich vorgefunden haben, am Ende ihres Geldes, am Ende ihres Weges, ist nichts als eine Ruine. „Schwarzer Elch war ein Lügner“, stellt das acht Jahre alte Mädchen angesichts des weinenden Vaters so treffend wie schonungslos fest, „der Stamm könnte ihm nie mehr folgen, ganz egal, wo er auch hinging.“

          Die Unfassbarkeit elterlicher Überforderung

          Was kann passieren, wenn eine Familie unter Druck gerät? Wie wird aus elterlicher Zuversicht Lüge? Wann aus kindlichem Vertrauen erst Skepsis und dann Ablehnung - dem dringlichen Wunsch des Kindes zum Trotz, dem Vater weiter glauben zu können? Mit ihrer Bolota hat Carla Maia de Almeida eine Erzählerin geschaffen, die in diesem, wie sie es nennt, „Sommer der Großen Durchquerung der Todeswüste“ mit ergreifender Einfachheit und Klarheit beim Bericht sorgfältig ausgewählter Details, Momente, Wortwechsel und bei deren kindlicher Deutung bleibt, auch weil sie selbst mit ihren inzwischen fünfzehn Jahren weiß: Sie hatte „noch keine Zeit, alles zu verstehen, was ich bisher erlebt hatte“.

          Das liegt nicht nur daran, dass ihr Vater sie schließlich unter katastrophalen Umständen alleingelassen hat und nicht klar ist, ob er überhaupt noch am Leben ist. Es liegt auch nicht daran, dass ihre Mutter ihr zwar inzwischen eine Schachtel mit Zeitungsausschnitten und Briefen gezeigt hat, die etwas erklären könnten, ihr aber trotzdem nicht vorgeben will, was sie glauben soll: „Das ist dein Weg, ganz allein deiner.“ Es liegt an der Unfassbarkeit elterlicher Überforderung und Unzuverlässigkeit, für die de Almeida starke Bilder und Worte findet, ohne ihre Leser mit simplen Deutungen zu beschwichtigen.

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