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Cao Wenxuan: „Libellenaugen“. Aus dem Chinesischen von Nora Frisch. Drachenhaus Verlag, Esslingen 2019. 280 S., geb., 19,– Euro. Ab 16 J. Bild: Drachenhaus

Cao Wenxuans „Libellenaugen“ : Die Kinder Maos

  • -Aktualisiert am

Cao Wenxuan ist Chinas Pionier des Coming-of-Age-Romans. Seine Jugenderzählung „Libellenaugen“ nimmt unter Mao Abschied vom kosmopolitischen Schanghai und der Kindheit.

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          „Lange Haare: verboten, hochhackige Schuhe: verboten, Lippenstift: verboten, am Strand die alten Lieder anstimmen: verboten, ein Junge, der im Park ein Mädchen umarmt: verboten, in den Tempel gehen und Räucherstäbchen anzünden: erst recht verboten.“ Cao Wenxuans meist im China der fünziger und sechziger Jahre spielende, den Einbruch von Hungersnöten oder Ideologien schildernde Werke sind Longseller. Er ist Chinas Pionier des Coming-of-Age-Romans.

          Die im Original 2005 erschienene Erzählung „Libellenaugen“ ist eine vier Generationen umspannende Familiensaga zwischen West und Ost. Das Dekor bildet der Japanisch-Chinesische Krieg und Maos Kampagnen, die in die Hungerkatastrophe 1958 bis 1961 und die Kulturrevolution führten. Im Zentrum stehen, anders als in Caos Klassikern wie „Das Schilfhaus“ oder „Bronze und Sonnenblume“, nicht ärmliche dörfliche Helden, sondern eine angesehene Geschäftsfamilie in Schanghai.

          Die französische Oma Océane der Heldin A Mei lernte 1925 ihren chinesischen Mann als Spross einer in Europa tätigen Seidenhändlerfamilie in Frankreich kennen. Sie haben vier Kinder. 1939 reist die Familie auf Bitte des wegen Japans Besetzung Schanghais besorgten Urgroßvaters zum dortigen Firmensitz. Trotz Kriegswirren, Stagnation und unter rotem Leitstern Verstaatlichung der Seidenfabriken wahren die Großeltern in ihrem feudalen „Blauen Haus“ – die 1953 geborene A Mei und ihre Eltern bleiben dort wohnen – die Illusion von Wohlstand.

          Kollektive Ekstasen eines mobilisierten Alltags

          Über ein Drittel des Buchs, das die enge Beziehung zwischen Océane und A Mei fokussiert, ist ein idyllisches Präludium der Revolution. Doch im Jahr 1966 gedeihen Terror und Euphorie. Den Erzählrahmen bilden Willkür der Roten Garden, Parolen und Gewalt, Aufruhr an Schulen und Universitäten. Vermehrt gerät die multikulturelle Geschäftsfamilie in den Sog der Generalangriffe auf alles alt, intellektuell, kapitalistisch, ausländisch Wirkende.

          A Mei, die für die Schanghaier bislang süßes „westliches Püppchen“ war, und ihr Cousin Alain geraten ins Visier der Klassenkameraden. Die Großeltern werden im „Blauen Haus“ Zielscheibe von Durchsuchungen, Verhören im Wohnzimmer, Verwüstungen: der Hass der Rotgardisten gilt Insignien der Bourgeoisie. Temporär bringen sie den der Ausbeutung bezichtigten Großvater zur Zwangsarbeit in eine Schweinefarm nach Chongming und die trotz reinem Schanghai-Dialekts als „Spezialagentin“ verdächtigte Großmutter in eine Ziegelei in Pudong. In den Himmel gereckte Fäuste und ein Meer von Armbinden sind Pars pro Toto für die kollektiven Ekstasen eines mobilisierten Alltags. Dem „vermaledeiten Shanghai“ steht Caos heimatliche Schilflandschaft im nördlichen Jiangsu, wohin die Oma mit A Mei zeitweise flüchtet, gegenüber.

          Eine Abschiedserzählung

          Der Autor evoziert Solidarität und Würde inmitten der Barbarei, wenn die Oma weiße Handschuhe beim Ziegelschleppen trägt oder ein Friseur beim Kahlscheren von Intellektuellen zwecks Schaulaufens auf der Straße auf Gleichmäßigkeit und Makellosigkeit achtet. Irritierend und elegisch zeichnet Cao Bilder der verlorenen Kinder der Revolution. Symbolgeladen auch das Parfüm: spionagefilmreif besorgt der Großvater von einer Ausländerin, beäugt von Rotgardisten, ein Flacon als „Lebenselixier“ für seine französische Frau.

          Der Stil beschwört Andersens tragische Märchen-Ästhetik; die Charaktere erliegen den Folgen ihrer physischen und psychischen Blessuren in Form von Tod und, so lässt sich vermuten, Freitod. Mit 15 Jahren lernt A Mei, im „Garten ihrer Erinnerung“ die Ahnen, Chinas Tradition und europäische Klassik als Refugium zu verstehen. So ist „Libellenaugen“ eine Abschiedserzählung vom kosmopolitischen Schanghai und der Kindheit. Eindrücklich schließt Cao Schwellenängste der Adoleszenz und umkippenden Gesellschaft kurz. Der ewigen Lust am Marschieren steht in seinem Jugendbuch Humanität, buddhistische Empathie und der in Traumgefilde fern von Ausgrenzung und Wahn driftende Freiheitsgeist der Heldin und Klavierspielerin gegenüber: „Nach dem kraftvollen Abschlussakkord verharrten A Meis Hände wie zwei Vögel im Aufwind mitten in der Luft.“

          Cao Wenxuan: „Libellenaugen“. Aus dem Chinesischen von Nora Frisch. Drachenhaus Verlag, Esslingen 2019. 280 S., geb., 19,– Euro. Ab 16 J.

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