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Norwegische Kinderbuch-Trilogie : Nacht der netten Hühnerdiebe

Håkon Øvreås: „Super-Matze“. Mit Illustrationen von Øyvind Torseter. Aus dem Norwegischen von Angelika Kutsch. Hanser Verlag, München 2017. 200 S., geb., 12,– €. Ab 9 J. Bild: Hanser Verlag

Ein Junge wird zum Hühndieb, um das neue Mädchen im Dorf zu beeindrucken: Mit „Super-Matze“ setzen Håkon Øvreås und Øyvind Torseter ihre Trilogie fort. Illusionen sind eine anstrengende Sache.

          Es gibt bei Jungs durchaus unterschiedliche Strategien, um Mädchen zu beeindrucken. Ein Huhn zu entführen, ist eine der eher ungewöhnlicheren Methoden. So viel sei verraten: Es klappt in diesem Fall auch nicht. Weder das Entführen noch das Beeindrucken.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Grunde ist es eine Serie von Enttäuschungen, die Matze erleben muss von jenem Tag an, da Sandy, das neue Mädchen im Dorf, seinen Weg kreuzt. Seltsam, wo Matze doch tatsächlich ein Held ist: Ein Held darin, sich eine Kinderwirklichkeit zusammenzureimen, die wimmelt von Vampirjägern, Spionen, Kämpfern, die alle irgendwie verwandt sind mit Matze, auf den ihr Glanz abstrahlt. Es ist eine wahre Freude, wie Matze flunkern kann. Wenn er nicht gleich selbst, im Superheldenkostüm, zu „Schwarzke“ wird, der über sich hinauswächst.

          Matze macht sich sein Dilemma ganz allein

          Nach „Super-Bruno“ im vergangenen Jahr hat der Norweger Håkon Øvreås den zweiten Band einer Trilogie vorgelegt, bei der nicht schwer zu raten ist, wie der noch ausstehende dritte Teil heißen wird: Schließlich ist Matze außer mit Bruno auch mit Laura befreundet, und wenn Bruno als „Brauno“ die Sofadecke seiner Mutter umwirft und Matze als „Schwarzke“ eine alte schwarze Jacke der seinen, so zieht Laura alias „Blaura“ für nächtliche Heldentaten ein blaues Kostüm an.

          Nun aber geht es, so der Titel, um „Super-Matze“. Wo Bruno noch einen haarscharfen moralischen Konflikt durchleben muss, dessen Auslöser nicht er selbst, sondern eine Bande böser Jungs ist, gegen die er sich wehren will, macht sich Matze sein Dilemma ganz allein. Er klaut das preisgekrönte Huhn des Dorfbürgermeisters, um es in einer spektakulären Aktion retten und zurückbringen zu können. Wenn er dann auf der Titelseite der Zeitung stünde, so seine Rechnung, hätte er Sandy etwas zu bieten. Jener Sandy, die Matze offenbar in puncto Phantasie das Wasser reichen kann.

          Einsam gegenüber den Anforderungen der Welt

          Es ist eine zauberhafte Eigentümlichkeit von Øvreås’ Stil, dass seine Geschichte sehr einfach erscheint, aber geschrieben ist wie eine vielfach geschichtete Praline: Manche Kinder neigen dazu, Schicht um Schicht abzuknabbern, andere beißen beherzt ins Ganze. Und zu den Schichtungen des Textes fügt sich, kongenial, das vielschichtige Bildwerk von Øyvind Torseter. Der Künstler, der zuvor mit Büchern wie „Das Loch“ oder „Papas Arme sind ein Boot“ brilliert hat, geht über die bloße Illustration weit hinaus. Seine Bilder, kaum eine Doppelseite gibt es ohne mindestens ein Element, sind Teil und Ergänzung des Erzählflusses.

          Man muss nicht alles aufschlüsseln, um Vergnügen an der spannenden Geschichte und den Bildern zu haben. Doch die subtileren Ebenen, die Øvreås einzieht, machen erst den Reiz und die leise Komik der Superhelden aus. In „Super-Bruno“ gesellt sich zum Abenteuer Brunos und zu seinem Dilemma die Wiederkehr eines toten Großvaters, die als Phantasie oder übersinnliche Geschichte gelesen werden kann. Diesmal richtet Øvreås sein Augenmerk ganz auf die Phantasiewelten, die sich Kinder und Erwachsene bauen. Die einen, vor allem die Mütter, brauchen das gar nicht, die anderen, wie Matzes Vater, in großen Mengen, um der schnöden Wirklichkeit zu entfliehen.

          Unter dem Abenteuer um das erst entführte, dann tatsächlich gestohlene Huhn, das Matze und seine Freunde zurückholen müssen, liegen die Phantasien Matzes und Sandys von ihrem cooleren Ich, Phantasien, die wiederum in jenen der Erwachsenen gespiegelt sind, die ihren verlorenen Träumen hinterhertrauern. Das ist zwar lange nicht so stark wie der leibhaftige tote Großvater in Brunos Abenteuer und auch sprachlich fällt Øvreås hier etwas weniger ein. Das generationenübergreifende Verständnis aber, das in seinen lakonischen Schilderungen durchscheint, die Einsamkeit auch der Erwachsenen wie der Kinder gegenüber den Anforderungen der Welt, verleiht Øvreås zweiter Superheldengeschichte dennoch einen ganz besonderen Ton. Wehe dem, der da über Helden und Hühner richten wollte! Niemand wird am Ende bestraft. Warum auch?

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