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„Für junge Leserinnen“ : Frauen haben Geschichte geschrieben

Kerstin Lücker und Ute Daenschel: „Weltgeschichte für junge Leserinnen“. Verlag Kein & Aber, Zürich 2017, 517 S., geb. 25,- €. Ab 12 J. Bild: Kein & Aber

So ein Vorhaben wirkt nur auf den ersten Blick von gestern. Es ist, im Gegenteil, eine höchst aktuelle und nötige Sache: Ute Daenschel und Kerstin Lücker erzählen von den Heldinnen der Jahrtausende.

          3 Min.

          Als Kerstin Lücker und Ute Daenschel an ihren Doktorarbeiten saßen, tauschten sie gelegentlich ihren Computer, schreiben sie in ihrer kurzen Vita am Ende ihres Buchs. Und sie „stellten fest, dass man im Text des anderen freier und unbeschwerter herumschreiben kann“. Es gibt vermutlich nicht viele Dissertationsprojekte, in denen von fremder Hand und noch dazu unbeschwert herumgeschrieben worden ist. Und dass zwei Frauen, die ausgerechnet eine Weltgeschichte für Leserinnen schreiben, so konsequent „man“ und „anderer“ verwenden, statt sich um eine weibliche Form zu bemühen, die in diesem Fall doch frei und unbeschwert hätte herumgeschrieben werden können, ist dann doch ein bisschen erstaunlich.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihr Buch ist noch erstaunlicher. Lücker und Daenschel machen sich, ebenfalls geradezu unbeschwert, mit ihrem gemeinsamen Erstling daran, gleich eine ganze „Weltgeschichte für junge Leserinnen“ zu schreiben. Ein Vorhaben, das sich im Zeitalter des atomisierten Wissens so rasch niemand zutrauen würde. Ernst Gombrichs „Kurze Weltgeschichte für junge Leser“, heute noch faszinierend, ist immerhin gute 80 Jahre alt. Um die Lücken, die fehlenden Puzzleteile, geht es den beiden Autorinnen auf 517 schlanken Seiten, spärlich mit einigen Randvignetten bebildert, optisch aufgelockert nur durch Marginalien mit wichtigen Daten und Fakten in Himmelblau (nicht etwa Rosa). Um jene Frauen also, deren Taten nicht miterinnert oder sogar gelöscht worden sind wie in jenen Pergamenten, die streifenweise da abgeschnitten wurden, wo von den Töchtern Dschinghis Khans, den Mongolenherrscherinnen, berichtet wurde. Angesichts einer neuen Debatte um die Rolle von Frauen, in der heutige junge Leserinnen zwischen „bitch“ und „girl“ ihre eigene Definition finden müssen und ihre Mütter längst nicht von Gleichberechtigung im Arbeits-, Gesellschafts- und Familienleben ausgehen können, wirkt so ein Vorhaben nur auf den ersten Blick von gestern: Es ist, im Gegenteil, eine höchst aktuelle und nötige Sache.

          Manches ist komplizierter, als sie es darstellen

          Lücker und Daenschel wollen nicht nur, sondern auch von Frauen und ihrem Wirken über Jahrtausende hinweg berichten. Sie schreiben also keine radikal feminin umgestülpte, sondern eine erweiterte Geschichte, in kurzen Kapiteln: In Europa und Asien, in Amerika und Australien, von der Antike bis hin zur Gegenwart suchen sie die Spuren der Frauen. Solche, deren Namen man kennt, aber oft vergisst, und solche, die in Europa lebende junge Leserinnen, für die das Buch offenkundig verfasst ist, noch nie gehört haben werden. Manchmal rücken die Autorinnen aber auch forsch Frauen ins Rampenlicht, wo sie es offenbar unbedingt für nötig halten: Indem sie etwa ostentativ die Rolle von Mohammeds Lieblingsfrau betonen oder jene Gräfin Mathilde, zu deren Burg Canossa Heinrichs Gang führte.

          Das wäre nicht nötig, ist oft grobschlächtig und deutlich weniger überzeugend als andere Perspektivwechsel und Gewichtungen in fünftausend Jahren Geschichte, wie etwa auf weibliche Autorschaft oder die „Querelle des femmes“. Diese sind in der Tat bereichernd, nicht nur für junge Leserinnen, auch für ältere und männliche Leser, die mit dem Band verstaubtes Schulwissen auffrischen können. Dafür ist der himmelblaue Klotz sehr tauglich. Zumal er das Nachdenken extrem fördert – vor allem durch Widerspruch. Nicht nur, weil er so munter zwischen Mythos, religiöser Tradierung und dokumentierten Ereignissen springt, zwischen den Kontinenten sowieso.

          Ärgerlicher ist das, was zurechtgebogen, falsch oder unreflektiert wiedergegeben wird. Ob der Name der Pharaonin Hatschepsut nach ihrem Tod aus Steinen nur deshalb wieder herausgemeißelt wurde, weil sie eine Frau war? Auch der „Ketzer“ Echnaton wurde aus dem Gedächtnis gelöscht. Die Mumie der Königin Nofretete weist keine Unfallspuren auf – man hat sie nicht gefunden, noch jedenfalls. Und ihre Büste ist auch nicht „in einem Berliner Museum“ zu sehen, sondern im Neuen Museum, seit dem Jahr 2009. Die Autorinnen, die immerhin auch Geschichte studiert haben und in Berlin leben, hätten mal vorbeigehen können. Oder auch ein bisschen mehr einschlägige Literatur lesen. Immerhin haben sie ja ein Mammutwerk gestemmt, dem an der einen oder anderen Stelle ein Hinweis gutgetan hätte, dass manches etwas komplizierter ist, als die Autorinnen es darstellen. So schön es ist, Olympe de Gouges, Madame de Staël und andere Heldinnen in einer umfangreichen Weltgeschichte als unentbehrlich beschrieben zu sehen: Wer über Napoleon behauptet, er habe halt Glück gehabt und sei größenwahnsinnig gewesen, der macht es sich dann doch extrem einfach. So einfach brauchen auch ganz junge Leserinnen die Weltgeschichte nicht.

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