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Britta Teckentrups Bilderbuch : Kann ich nach den Sternen greifen?

Britta Teckentrup: „Worauf wartest du?“ Das Buch der Fragen. Verlag Stuart & Jacoby, Berlin 2016. 192 S., geb., 22 €. Ab 6 J. Bild: Stuart & Jacoby

Fast zweihundert Seiten ohne Handlung und ohne Figuren: Trotzdem passiert in „Worauf wartest du?“, Britta Teckentrups Buch voller Fragen, eine ganze Menge. Und im Kopf seiner Leser erst.

          3 Min.

          Bin ich was Besonderes?“ Im Stillen wird sich jeder diese Frage schon einmal gestellt haben, jedes Kind zumal: in Momenten, wenn die fraglose Überzeugung, die volltönende Beharrung oder sogar die Furcht, etwas Besonderes zu sein, vielleicht auch die, es nicht zu sein, für einen Moment die Stimme senkt und hörbar werden lässt, was grundsätzlich nicht zu beantworten ist und doch deutlich mitschwingt. Auf welcher Grundlage könnte ich für mich in Anspruch nehmen, etwas Besonderes zu sein, ohne diese Eigenschaft auch jedem anderen zuzugestehen? Und was wäre dann das jeweils Besondere inmitten von Leuten, die ebenfalls jeder für sich als etwas Besonderes gelten müssen?

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          So weit gehen die Fragen selbstverständlich nicht, die Britta Teckentrup in ihrem Kinderbuch „Worauf wartest du?“ versammelt hat. Aber die Einladung, ihnen zu folgen, die Verlockung, hinter der einen eine nächste Frage zu finden und dann noch eine, ob man nun nach Antworten sucht oder nicht, klingt bei den meisten von ihnen deutlich an. Die offenen und zugleich gut durchdachten Bilder der 1969 in Hamburg geborenen Illustratorin tun das Ihre dazu.

          Die Mimik der Figuren in den Collagen des Buchs wird allenfalls angedeutet, die Bewegungen ihrer flächig gehaltenen Kleidung und Körper wirkt dynamisch und ist doch äußerst reduziert, die Bildideen sind einleuchtend als Ausgangspunkte, von denen aus der Leser die Gedanken schweifen lassen kann - oder einfach weiterblättern. Zur Frage nach der eigenen Besonderheit hat Britta Teckentrup zwei Mädchen in farbigen Kleidern gestellt, die zu in Grau- und Braunschattierungen gehaltenen Erwachsenen aufschauen, die ihnen den Rücken kehren. Die Frage „Spürst du auch manchmal, dass du Flausen im Kopf hast?“ illustriert sie mit dem Schattenriss eines Kinderkopfes, vor dem Schneeflöckchen herabzurieseln scheinen wie auf die karge Frühwinterlandschaft im Hintergrund. In der Fragefolge „Warum muss man sich immer streiten?“, „Warum sind die anderen so doof zu mir?“ und „Werden wir uns wieder vertragen?“ werden die Figuren aus der Kindergruppe minimal verändert oder gespiegelt und deuten so eine Geschichte an, den allvertrauten Zyklus einer Auseinandersetzung - zur gedanklichen Ausschmückung durch den Leser oder in dessen Einverständnis, dass die eine dieser Fragen die nächste folgen lässt.

          Ansatz- und anlasslos, aber zauberhaft.

          Sechs Jahre alte Kinder mögen mit Fragen wie „Wird er mich küssen?“ oder „Bin ich verliebt?“ womöglich noch nicht allzu viel anzufangen wissen. Doch auch sie können auf den knapp zweihundert Seiten von „Worauf wartest du?“ ihre Entdeckungen machen, werden sich unvermittelt angesprochen, mitunter auch ertappt fühlen, auch sie können selbstverloren blättern, bis eine Frage, ein Bild, eine Abfolge oder ein Bruch sie unvermittelt innehalten lässt.

          Dabei variiert die Verfasserin durchaus den Klang ihrer Fragen, deren Ansprache und Abstraktion. Die Frage „Kannst du mich halten? Immer?“ werden manche Leser eher aus der Rolle des Fragestellers verstehen, „Geht es dir auch so, dass dir die Welt größer vorkommt, wenn du das Meer siehst?“ hingegen lädt den Leser direkt ein, einen Eindruck zu teilen. Und Fragen wie „Warum fühlen wir uns an manchen Tagen einfach gut?“ sind schlichtweg da – ansatz- und anlasslos, aber zauberhaft.

          Man darf sich nur nicht wundern

          Auf manche Fragen könnte dem Leser oder der Leserin (an die Britta Teckentrup vorrangig gedacht haben wird, wie Text und Bild gelegentlich deutlich machen) ein geflüstertes „Ja“ über die Lippen kommen, bei anderen ein Lächeln. Wieder andere bedürfen vielleicht gar keiner Antwort, vielleicht würde eine Antwort sogar einen kleinen Schatten auf das Staunenswerte und Wundersame werfen, das ihnen eigen ist.

          Pablo Nerudas „Buch der Fragen“ ist legendär, die „Fragen für allemal zählbare Finger“ des Berliner Buchkünstlers Christian Ewald sind ein bibliophiler Schatz. Die Künstler Peter Fischli und David Weiss haben mit „Findet mich das Glück?“ ein traumhaftes Werk der Defokussierung geschaffen, während Gregory Stocks „Buch der Fragen“ als Anreiz zur Selbstbesinnung im Grunde genau das Gegenteil leistet. In ihrer lyrischen Lakonie, ihrer suggestiven Kraft, ihrer Eindringlichkeit und zugleich Unverbindlichkeit finden sich Fragen ohne Antworten in einer ganzen Reihe von Büchern für Erwachsene. Mit „Worauf wartest du?“ gibt es jetzt ein Buch, mit dem man auch kindliche Leser gut und gern alleinlassen kann. Man darf sich nur nicht wundern, wenn sie damit auch wirklich allein sein wollen.

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