https://www.faz.net/-gr3-9epky

Britta Teckentrup: „Die Schule“. Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin 2018. 128 S., geb., 19,- Euro. Ab 10 J. Bild: Jacoby & Stuart

Britta Teckentrups „Schule“ : Das müsst ihr unter euch ausmachen

Aufmunternd wie so viele Bücher zu diesem Thema ist „Die Schule“ nicht. Was nicht heißt, dass Britta Teckentrups Bilderbuch nicht auf seine Art ermutigend oder bestärkend wäre: Es zeichnet das ungeschönte Soziogramm einer sechsten Klasse.

          3 Min.

          Was ist das nur mit diesem Tom? Besonders groß oder kräftig ist er nicht, und trotzdem schafft er es, die ganze Klasse in seinen Bann zu schlagen. Keiner mag ihn, alle haben Angst vor ihm, vielleicht sogar die anderen aus seiner Bande. Dabei sind sie es doch, die ihn erst stark machen. Und der Umstand, dass er es immer wieder schafft, dass ihm die Lehrer glauben. Und natürlich sein Vater, der es bestens versteht, subtil die Glaubwürdigkeit des Mobbing-Opfers und die Bedeutung der Situation anzuzweifeln, als er doch einmal zum Klassenlehrer gebeten wird, weil Mitschüler nicht mit ansehen konnten, was Tom wieder mit Max gemacht hat: In dessen Familie scheine es ja drunter und drüber zu gehen und ob Max eigentlich auch so ein guter Schüler sei wie Tom, der schließlich Anwalt werden wolle, wie er, sein Vater. Schließlich gehörten ja auch immer zwei zu einer Quälerei wie der behaupteten.

          Es sind Momentaufnahmen wie diese, die Britta Teckentrup in ihrem Bilderbuch „Die Schule“ versammelt, Porträts der Kinder einer sechsten Klasse und kleine Szenen, aus denen sich ein Soziogramm der elf, zwölf Jahre alten Schülerinnen und Schüler zusammensetzt, wie es selbst in Büchern für diese Altersgruppe, von zehn Jahren an, selten zu finden ist. Dabei weicht die Illustratorin nicht etwa ab von der erwartbaren Typologie, sie spielt sie im Gegenteil sorgfältig durch: Der Junge, der „trotz seiner etwas seltsamen Art sehr intelligent ist“, hat ebenso seinen Auftritt wie die eingebildete Schöne, das Mädchen, das beim Sportunterricht als Letzte in eine Mannschaft gewählt wird, genauso wie das Mädchen mit der tollen Stimme, die jeden verzaubert. Paula verschläft fast immer, allerdings muss sie auch jeden Morgen ganz allein für sich sorgen, denn ihre Eltern brechen schon ganz früh zur Arbeit auf.

          Lisa ist die Einzige, die sich nichts aus Toms Tyrannei macht und Max manchmal tröstet. Sie wirkt stark, aber sie spricht nicht viel von sich, und bei ihr zu Hause war auch noch niemand. Djamila musste fliehen, ist noch neu in der Klasse und wird in ihrem Willen, die Welt zu verändern, wenn sie groß ist, vom Geschichtslehrer unterstützt. Neben Lehrern wie ihn zeigt das Buch auch solche, die brenzlige Situationen herunterspielen oder mit neuen Regeln Lieblingsfächer zur Tortur machen können. Es ist ein Gruppenbild mit Schatten, das auf diese Weise entsteht: Die Spannung, der Konflikt, der Druck oder das Unbehagen halten sich die Waage mit den Momenten der Anteilnahme, des Trosts und der Unterstützung. Aufmunternd wie so viele Kinderbücher, die sich dem Thema Schule oder Klassenverbund widmen, ist dieses Buch also nicht. Was nicht heißt, dass es nicht auf seine Art ermutigend oder bestärkend wäre.

          Wer in aller Welt ist Herr Neumann?

          Britta Teckentrup stellt ihre Kinder mit großer Ruhe und gutem Augenmaß vor. So wie sie auch in den unterschiedlichen Bildern zumeist mit einem Gesichtsausdruck – in wechselnden Zusammenhängen, in verschiedenen Größen kopiert oder gespiegelt – für jeden einzelnen Charakter auskommt, bleibt ihr Text skizzenhaft und suggestiv: Der Autorin geht es erkennbar nicht um Geschichten, sondern um die Wiedererkennbarkeit, ums Grundsätzliche.

          Ihr Buch lebt von der suggestiven Balance aus Eindringlichkeit und Distanziertheit der Illustrationen, aber auch von der Beweglichkeit, mit der die Erzählung aus der Vorstellung eines Mitschülers in eine Szene springt, ins Herz und in den Kopf der Einzelnen – und von dort auf eine ganze Seite, die unter Schülern ausgetauschte Gemeinheiten versammelt, gefolgt von einer, auf der gegenseitige Bestärkungen zu lesen sind, wie man sie auf den Schulhöfen wohl leider ungleich seltener hört. Diese Beweglichkeit hat ihren Preis: Obwohl sie im engeren Sinn keine Geschichte erzählt, lässt Britta Teckentrup eine Schülerin der Klasse als Ich-Erzählerin durch das Buch führen. Doch schon bei der Vorstellung des ersten Kinds kann die Autorin die Perspektive nicht halten: Das Mädchen weiß über den Jungen, der noch unschlüssig auf dem Schulhof steht, weil er neu in die Klasse kommen wird, nachdem er es in seiner alten nicht mehr ausgehalten hat, mehr, als sie der Situation nach wissen kann.

          Es bleibt kein Einzelfall: Das Mädchen berichtet von Gesprächen zwischen Lehrern und Eltern, beobachtet heimliche Momente der Annäherung unter Klassenkameraden, taucht mit einer Mitschülerin, die dafür im Schwimmunterricht all ihren Mut zusammennehmen muss – wo es doch kurz zuvor noch um den Sportunterricht gegangen ist und die Ereignisse später, doch wieder eine zeitliche Abfolge nahelegend, als „Tag der neuen Freundschaften“ zusammengefasst werden. Ein Herr Neumann spielt die Qualen des armen Max herunter – „du bist doch selbst schuld, wenn du sowas mit dir machen lässt“ –, ohne dass die Leser erfahren, ob es sich hier um den Klassenlehrer handelt oder vielleicht sogar um den Vater des Jungen. Das fürsorgliche Buch hätte hier größere Sorgfalt verdient gehabt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Am 19.4.21 ging es bei „Hart aber fair" um Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen. V.l. :Anton Hofreiter (B‘90Grüne), Helene Bubrowski (F.A.Z).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Toll!

          Auf ProSieben gab es eine bemerkenswerte Neuerung: Dort verzichteten die Interviewer gleich gänzlich auf jeglichen Anschein des Denkens. Damit jedoch könnten sie die politische Reklame der Grünen kurioserweise auf den Punkt gebracht haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.