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Roman von Bonnie-Sue Hitchcock : Mutter war halb Mensch, halb Robbe

  • -Aktualisiert am

Bonnie-Sue Hitchcock: „Der Geruch von Häusern anderer Leute“. Aus dem Englischen von Sonja Finck. Verlag Königskinder, Hamburg 2016. 320 S., geb., 17,99 €. Ab 14 J. Bild: Königskinder

Eine glückliche Greisin duftet nach Möbelpolitur: Bonnie-Sue Hitchcock zeichnet den Weg von vier Jugendlichen nach, die im jungen Bundesstaat Alaska ihren Platz in der Welt suchen.

          Während eines sommerlichen schottischen Regenschauers im Jahr 1881 gelingt es Robert Louis Stevenson, seinen zwölfjährigen Stiefsohn Lloyd mit einer Zeichnung zum Verbleib in der trockenen Wohnstube zu bewegen. Er skizziert die Umrisse einer Insel: „Sie war aufwendig und (wie ich fand) wunderschön gefärbt“, erinnert er sich später in einem Essay, das Ergebnis nennt er „Die Schatzinsel“. Interessant ist dabei seine Beschreibung des kreativen Prozesses: „Ihre Form beflügelte meine Fantasie auf unsagbare Weise“, notiert er, so dass er die zukünftigen Figuren des Buches „zwischen imaginären Wäldern“ lebhaft vor sich sieht. Die Karte war für Stevenson nicht nur die Erschließung eines Handlungsorts für den späteren gleichnamigen Roman, sondern die Voraussetzung für die Entwicklung von Geschehen und Charakteren.

          Auf die vermeintlich einfache Frage - Wo spielt Literatur? - gibt auch die amerikanische Schriftstellerin Bonnie-Sue Hitchcock eine vermeintlich einfache Antwort: mit einer Landkarte. So finden sich auf den ersten beiden Seiten ihres Debütromans „Der Geruch von Häusern anderer Leute“ nicht regelmäßige schwarze Striche, also Buchstaben, sondern unregelmäßige gewölbte, dicke und dünne, durchgehende und gestrichelte. Die Karte zeigt Amerikas größten Bundesstaat Alaska in weißer und grauer Schattierung, rechts daneben das noch größere Kanada. Drei grob gepinselte Häuschen markieren den Wohnort der Protagonistinnen Dora, Ruth und Alyce in der Stadt Fairbanks, ein kleines schwarzes Kreuz kennzeichnet das Kloster „Unsere Jungfrau des ewigen Leids“ etwa 800 Kilometer südöstlich, während ein weitläufiges Fischfanggebiet im Süden sich in sattem Dunkelgrau abhebt.

          Hitchcocks Karte ist, so wie einst Stevensons, mehr als eine Metapher, und der Ort, den sie abbildet, mehr als eine Kulisse: „Der Geruch von Häusern anderer Leute“ ist auf zweierlei Weise ein Entwicklungsroman, denn das Erwachsenwerden der Figuren vollzieht sich im Alaska der sechziger und siebziger Jahre. Dieses befindet sich in einer ähnlichen Schwellensituation wie die jugendlichen Helden, seit es 1959 vom „Territorium“ zum neunundvierzigsten Bundesstaat der Vereinigten Staaten wurde - einem abgelegenen, abstrakten Ort, den sich die Figuren als mit Waschmaschinen und Trocknern gefüllt vorstellen, und von dem sie nur als „der Süden“ sprechen. Kein Wunder, liegen die Städte Fairbanks und Anchorage doch näher bei Tokio als bei Washington DC.

          Tatsächlich schwarze Robbenaugen

          Der Roman alterniert zwischen den vier Perspektiven familiengeplagter Ich-Erzähler, die alle ein Aufgebot an Randfiguren mit sich bringen: Ruth, die ungewollt schwanger wird und von ihrer strengen Großmutter in ein kanadisches Kloster geschickt wird; Dora, die sich nicht sicher sein kann, was schlimmer ist - die Realität ihrer gewalttätigen und alkoholsüchtigen Eltern oder die Möglichkeit, bei den fürsorglichen Eltern ihrer Freundin Dumpling einzuziehen und so jeden Tag die Mangelhaftigkeit ihrer eigenen Familie zu spüren; Alyce, deren hochfliegender Traum vom Tanzstudium beschwert wird durch die Pflichtgefühle gegenüber ihrem hart arbeitenden Lachsfischer-Vater; und, viele Kilometer weiter, im Alexanderarchipel, Hank, der seine Mutter und deren neuen Freund in Sitka zurücklässt, um mit seinen zwei jüngeren Brüdern als blinde Passagiere an Bord eines Fährschiffs gen Süden zu gehen.

          Hitchcock, die fünfzehn Jahre als Journalistin für das Alaska Public Radio gearbeitet hat, beweist eine Vorliebe für Zusammenhänge - zwischen Gesellschaft und Individuum, Mensch und Natur, sogar Legende und Wirklichkeit. Ruths Vater kommt bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, auf dem Weg zurück aus Kanada, wo er sich gegen das Bundesstaatengesetz einsetzen wollte. In Ruths Vorstellung wird dieses zum Naturereignis, dem auch ihre Mutter zum Opfer gefallen sein muss, als sie einfach verschwindet: „Als Mama am nächsten und übernächsten und überübernächsten Tag nicht zurückkam, nahm ich an, dass das Bundesstaatsgesetz auch ihr etwas angetan hatte.“ Alyce wiederum stellt sich vor, dass ihre Eltern sie „im Regenwald gefunden haben, eine magische Kreatur aus Moos und Bartflechten“. Und auch Ruths beste Freundin, die als Baby adoptiert wurde, erzählt manchmal, ihre Mutter sei eine Selkie, eine mythische Seekreatur, halb Mensch, halb Robbe, und würde im Meer leben. Hitchcock scheint ihr recht zu geben - das Mädchen hat tatsächlich schwarze Robbenaugen und heißt, wenn schon nicht Selkie, zumindest Selma.

          Man muss sich festhalten können

          Wie dicht allerdings auch die Biographien einzelner Figuren miteinander verzweigt sind, offenbart sich erst nach und nach. Selma zum Beispiel weiß nichts über ihre Herkunft - bis ein Seemann von einem neugeborenen Mädchen erzählt, das er vor Jahren auf einer Hafentoilette fand, vor dem Erfrieren bewahrte und Selma nannte. Hank hingegen ist nach Ankunft der Fähre in Kanada nicht nur unterwegs nach Fairbanks, wo Selma, natürlich ohne sein Wissen, wohnt. In einem kanadischen Gemischtwarenladen begegnet er zwischendurch auch noch Ruth und findet ihre verlorene rote Haarschleife, ein Geschenk von Dumpling, überbracht mit den Worten: „Manchmal braucht man etwas, woran man sich festhalten kann.“ Am Ende treffen sich alle am Busbahnhof in Fairbanks, ohne sich abgesprochen zu haben.

          So sonderbar artifiziell diese Entwicklungen auf den ersten Blick erscheinen mögen - Hitchcock hantiert mit Schicksal und Zufall nicht fahrlässig. Vielmehr handelt es sich hier um ein radikales Aufbegehren gegen das Gefühl existentieller Einsamkeit und, viel schlimmer noch, des Alleingelassenseins, das sich kontinuierlich durch diesen Roman voller Halbwaisen, Adoptivkinder und Vernachlässigter zieht. Ruth formuliert es am deutlichsten: „Ich bin ganz allein auf der Welt. Das Gefühl überkommt mich urplötzlich.“ An kaum einem anderen Ort kann man diesen Satz so ernst meinen wie in Alaska um 1970, wo (gemäß den verlässlichsten, dennoch ziemlich unverlässlichen Statistiken) ungefähr doppelt so viele Paarhufer wie Menschen gezählt wurden. In einem einsamen, oft ungastlichen Raum wie Alaska, oder auch der Psyche eines Jugendlichen, ist das Gefühl, das eigene Dasein habe weder Kontext noch Konsequenzen, nie weit. Dumpling hat schon recht - man muss sich an etwas, an jemandem festhalten können. Dazu ist es hilfreich, Ereignissen, Erinnerungen und Mitmenschen rote Schleifen umzubinden, wirkliche oder imaginäre. Wie könnte man sie sonst je wiederfinden? Ja, wie sich selbst finden, wenn nicht im ständigen Bezug auf andere?

          Eine phantasievolle Kartographin

          Die stärkste orientierungs- und identitätsstiftende Kraft verortet Hitchcock interessanterweise in etwas Immateriellem. Die Luft in Alaska ist voller Gerüche, sie haften an Orten genauso wie an Gefühlen, Erinnerungen und Träumen. Die Jugendlichen, wahre Synästhetiker, sammeln sie alle - Väterdüfte aus Hirschblut und Old Spice Parfüm, das nach den Zedernholzmöbeln des ersten Freundes riechende Gefühl, zum ersten Mal richtig gesehen zu werden. Freundschaft riecht wie frisch geerntete Blaubeeren und die Gedanken an die eigenen Versagereltern nach schwarzem Rauch und angebranntem Toast. Es ist vor allem ihr nuancierter Geruchssinn, eigentlich ein System zur Erfassung der eigenen emotionalen Landschaften, der es den Figuren ermöglicht, festzustellen: Wer bin ich? Wer nicht? Wer sind die anderen? Wie Ruth im Laufe der Zeit bewusst wird, duften Häuser, in denen Mütter wohnen, anders als mutterlose (Erstere deutlich mehr nach Wildblumen als Letztere). Und eine mit dem Schicksal hadernde Großmutter anders als eine mit ihm versöhnte (neben Möbelpolitur, Spülmittel und Hills-Brothers Kaffee auch noch nach einer Gesichtscreme der Sorte Milch und Honig).

          Als phantasievolle Kartographin widmet sich Hitchcock den Leben der Figuren, ihre Buchstaben sind reißende Flüsse und chaotische Meere, ihre Wörter Linien und Kurven, ihre Sätze Straßen. Den Prozess des Erwachsenwerdens ebenso biographisch wie geographisch beleuchtend, zeigt sie eindrücklich, was es bedeutet, den eigenen Platz in der Welt zu suchen.

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