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Roman von Bonnie-Sue Hitchcock : Mutter war halb Mensch, halb Robbe

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Man muss sich festhalten können

Wie dicht allerdings auch die Biographien einzelner Figuren miteinander verzweigt sind, offenbart sich erst nach und nach. Selma zum Beispiel weiß nichts über ihre Herkunft - bis ein Seemann von einem neugeborenen Mädchen erzählt, das er vor Jahren auf einer Hafentoilette fand, vor dem Erfrieren bewahrte und Selma nannte. Hank hingegen ist nach Ankunft der Fähre in Kanada nicht nur unterwegs nach Fairbanks, wo Selma, natürlich ohne sein Wissen, wohnt. In einem kanadischen Gemischtwarenladen begegnet er zwischendurch auch noch Ruth und findet ihre verlorene rote Haarschleife, ein Geschenk von Dumpling, überbracht mit den Worten: „Manchmal braucht man etwas, woran man sich festhalten kann.“ Am Ende treffen sich alle am Busbahnhof in Fairbanks, ohne sich abgesprochen zu haben.

So sonderbar artifiziell diese Entwicklungen auf den ersten Blick erscheinen mögen - Hitchcock hantiert mit Schicksal und Zufall nicht fahrlässig. Vielmehr handelt es sich hier um ein radikales Aufbegehren gegen das Gefühl existentieller Einsamkeit und, viel schlimmer noch, des Alleingelassenseins, das sich kontinuierlich durch diesen Roman voller Halbwaisen, Adoptivkinder und Vernachlässigter zieht. Ruth formuliert es am deutlichsten: „Ich bin ganz allein auf der Welt. Das Gefühl überkommt mich urplötzlich.“ An kaum einem anderen Ort kann man diesen Satz so ernst meinen wie in Alaska um 1970, wo (gemäß den verlässlichsten, dennoch ziemlich unverlässlichen Statistiken) ungefähr doppelt so viele Paarhufer wie Menschen gezählt wurden. In einem einsamen, oft ungastlichen Raum wie Alaska, oder auch der Psyche eines Jugendlichen, ist das Gefühl, das eigene Dasein habe weder Kontext noch Konsequenzen, nie weit. Dumpling hat schon recht - man muss sich an etwas, an jemandem festhalten können. Dazu ist es hilfreich, Ereignissen, Erinnerungen und Mitmenschen rote Schleifen umzubinden, wirkliche oder imaginäre. Wie könnte man sie sonst je wiederfinden? Ja, wie sich selbst finden, wenn nicht im ständigen Bezug auf andere?

Eine phantasievolle Kartographin

Die stärkste orientierungs- und identitätsstiftende Kraft verortet Hitchcock interessanterweise in etwas Immateriellem. Die Luft in Alaska ist voller Gerüche, sie haften an Orten genauso wie an Gefühlen, Erinnerungen und Träumen. Die Jugendlichen, wahre Synästhetiker, sammeln sie alle - Väterdüfte aus Hirschblut und Old Spice Parfüm, das nach den Zedernholzmöbeln des ersten Freundes riechende Gefühl, zum ersten Mal richtig gesehen zu werden. Freundschaft riecht wie frisch geerntete Blaubeeren und die Gedanken an die eigenen Versagereltern nach schwarzem Rauch und angebranntem Toast. Es ist vor allem ihr nuancierter Geruchssinn, eigentlich ein System zur Erfassung der eigenen emotionalen Landschaften, der es den Figuren ermöglicht, festzustellen: Wer bin ich? Wer nicht? Wer sind die anderen? Wie Ruth im Laufe der Zeit bewusst wird, duften Häuser, in denen Mütter wohnen, anders als mutterlose (Erstere deutlich mehr nach Wildblumen als Letztere). Und eine mit dem Schicksal hadernde Großmutter anders als eine mit ihm versöhnte (neben Möbelpolitur, Spülmittel und Hills-Brothers Kaffee auch noch nach einer Gesichtscreme der Sorte Milch und Honig).

Als phantasievolle Kartographin widmet sich Hitchcock den Leben der Figuren, ihre Buchstaben sind reißende Flüsse und chaotische Meere, ihre Wörter Linien und Kurven, ihre Sätze Straßen. Den Prozess des Erwachsenwerdens ebenso biographisch wie geographisch beleuchtend, zeigt sie eindrücklich, was es bedeutet, den eigenen Platz in der Welt zu suchen.

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