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Bilderbuch über Depression : Wir nennen sie Fee

Nikola Huppertz, Tobias Krejtschi: „Meine Mutter, die Fee“. Tulipan Verlag, München 2018. 32 S., geb., 15,– Euro. Ab 6 J. Bild: Tulipan Verlag GmbH

„Meine Mutter, die Fee“: Nikola Huppertz hat ein einfühlsames Bilderbuch über eine depressive Erkrankung geschrieben, und Tobias Krejtschi hat es höchst sensibel illustriert.

          An den Wänden des Familiendomizils hängen Reproduktionen von Böcklins „Toteninsel“, des „Wanderers über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich und von dessen „Abendlandschaft mit zwei Männern“. Man könnte sich freudigere Motive vorstellen, etwa die Poster im Kinderzimmer der kleinen Fridi, die Kermit den Frosch zeigen oder einen munter springenden Delphin, Mumin, den Außerirdischen Alf, ein Einhorn, Udo Lindenberg und Batman (gut, die letzteren beiden sind auch nicht gerade Exponenten schierer Lebensfreude). Außerhalb des Kinderzimmers herrscht eine bedrückende Stimmung: Fridis Mutter geht es nicht gut, sie ist antriebslos und oft traurig. Wenn sie ihrer Tochter Bilder zeigt, die sie besonders faszinieren, dann sind es solche wie die an den Wänden: Edvard Munchs „Melancholischer Mann“ etwa. Fridi aber kann darüber lachen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die Doppelseite, auf der Tobias Krejtschi diese Szene illustriert, ist die schönste des Bilderbuchs „Meine Mutter, die Fee“. Und das will etwas heißen, denn das Buch ist voller schöner Bilder, die der 1980 geborene Zeichner zu einer Geschichte von Nikola Huppertz angefertigt hat. Alle sind sie von einer gewissen Melancholie geprägt, denn die Farben sind blass, und ihr Spektrum reicht nur von Rot über Lachsfarben bis Graugrün. Die Bilder sind zudem subtil schattiert: nämlich gesprenkelt mit winzigen Pünktchen, als läge ein zusätzlicher Grauschleier über ihnen. Vor allem aber fesseln die Menschen darauf: Mutter, Tochter, Vater. Die Mutter ist ein ätherisches Wesen, das zu Hause nur noch im Nachthemd herumläuft und meist Trübsal bläst, doch die Tochter, ein energisches, aber auch sehr sensibles Mädchen, versucht sie aus der Lethargie zu reißen. Der Vater wiederum, ein massiger, aber durch den Seelenzustand seiner Frau gebeugter Mann, bemüht sich, Fridi zu erklären, wie es um die Mutter steht. Doch wie kann man einem Kind erklären, was eine Depression ist?

          Auf diese Frage gibt „Meine Mutter, die Fee“ eine Antwort. „Sie ist eine Fee in der Welt der Menschen“ – so beschreibt der Vater der Tochter die Mutter, und das Mädchen blafft zurück: „Wenn sie eine Fee wäre, dann wäre sie schön.“ Und tatsächlich hat Tobias Krejtschi die Mutter nicht schön gezeichnet, sondern als passive Person in wenig präsentablem Zustand. Doch sie trägt auch vom ersten Bild an gestrichelte Flügel, ein wunderbarer Kunstgriff, um uns ihr imaginäres Feendasein anzudeuten, noch bevor wir davon lesen. In dieser Familie entsteht Trost aus dem Erzählen – die Mutter etwa rezitiert gern Gedichte, von Eichendorff und Mörike (die sogar ganz am Ende des Buchs abgedruckt sind). Das verschafft ihr ähnliche Freude wie ihre Lieblingsbilder, und die Tochter spürt, dass sie dann ins Leben zurückgekehrt ist: Bisweilen, so beschreibt es Fridi, die Ich-Erzählerin dieses Bilderbuchs, lächelt die Mutter, „und in diesem winzigen Augenblick war sie so schön wie eine Blume im Gewitter“.

          Sie gehört immer dazu

          Das ist ein seltsames Bild, aber eines, das bezeichnend ist für Nikola Huppertz’ Erzählstil, der sich ganz auf die Phantasmen dieser Familie einlässt. Jede Familie hat solche Phantasmen, aber hier sind sie von der düsteren Vorstellungswelt der Mutter mitgeprägt, die trotzdem Lichtblicke wie eben das Lächeln zu bieten hat. Dass Krejtschi es nie zeichnet, ist gewagt und meisterhaft zugleich, denn wir müssen wie Fridi nach den winzigen Anzeichen fürs bessere Leben suchen, nicht nach plakativen. Würde uns eine strahlende Mutter gezeigt, könnte man als Betrachter über den Ernst ihrer depressiven Erkrankung leicht hinweggehen.

          Nikola Huppertz hat es sich mit ihrer Geschichte aber gerade nicht leicht gemacht. Es wird sogar noch schlimmer, denn die Mutter muss in die Psychiatrie eingeliefert werden. Natürlich fällt dieses Wort nicht; was sollte es auch einem kleinen Leser dieses Bilderbuchs sagen? Stattdessen erklärt der Vater die plötzliche Abwesenheit seiner Frau damit, dass sie in die Welt der Feen gefahren sei.

          Wird sie von dort zurückkommen? Diese Frage wird auf der Schlussseite des Bilderbuchs gestellt und beantwortet. Nicht durch eine versöhnliche Heimkehr, sondern dadurch, dass der Vater an das appelliert, was die Tochter weiß – durch die vielen Erzählungen ihrer Eltern. „Und da fällt mir ein“, sagt Fridi, „dass eine Fee für immer zu den Menschen gehört, denen sie sich zu erkennen gibt.“ Und auf der Wohnzimmerkommode dieser letzten Doppelseite steht ein gerahmtes Familienfoto, auf dem alle lachen – auch die Mutter. Dieses eine Mal, in einer glücklicheren Zeit. Die aber nicht vergangen sein muss.

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