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Hier hilft der Schulterblick: Auch für das Flusspferd könnte es hoch zu den Wolken gehen, wenn es nicht nur voranpreschen würde. Bild: Heribert Schulmeyer / Verlag Annette Betz

Buch „Richtig dicke Freunde“ : Wenn wir uns endlich wiedersehen

„Richtig dicke Freunde“: Rüdiger Bertram und Heribert Schulmeyer haben ein bezauberndes Bilderbuch über die Freundschaft geschaffen – sehnsuchtsvoll und selbstverständlich, warmherzig und leicht.

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          Einander in ängstlichen Situationen beistehen. Gemeinsam um die Welt sausen. Zusammen schweigen und sich alles erzählen. Keine Frage: Das alles machen Freunde miteinander. Und noch viel mehr. Acht Beispiele hat der Kinderbuchautor Rüdiger Bertram für das Bilderbuch „Richtig dicke Freunde“ notiert, von der Selbstverständlichkeit zum Sonderwunsch, vom bloßen Zuhören, während der andere vorliest, bis zum Bau eines Schlosses auf dem Lieblingsbaum. „Wenn du da bist ...“, setzt sein schlicht gehaltener Text an, es folgt die Aufzählung, schließlich die Frage, wo der sehnsüchtig erwartete Freund nur bleibt.

          Ein solcher Bilderbuchtext ist ein Geschenk für jeden Illustrator, eine Steilvorlage, aber auch ein Vertrauensbeweis. Wer den einzelnen Beispielen nicht viel hinzuzufügen weiß, wer auf ein Freundespaar kommt, das in seiner Erscheinung kein zusätzliches Licht auf die einzelnen Unternehmungen zu werfen vermag, der macht daraus vielleicht auch nur ein ähnlich einfältiges Buch wie den Bestseller „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ von Sam McBratney und Anita Jeram, in dem ein kleiner Hase Größenvergleiche für seine Zuneigung zu einem großen Hasen aneinanderreiht.

          Auch für vier Jahre alte Kinder zählt das Konzept „Liebhaben“ wie auch das Konzept Freundschaft schon zu den großen Wundern des Lebens: ein nicht hinterfragbares Gefühl, das bei kindlichem Philosophieren allenfalls in seiner erlebten Natürlichkeit verblüffend ist. Ein robustes Gefühl, durchaus einiger Beanspruchung ausgesetzt. Eines, das nicht nur in Zeiten, in denen tägliche Nähe auf einmal keine Selbstverständlichkeit ist, Sehnsucht hervorruft. Und eines, das zwangsläufig Enttäuschungen erzeugt - etwa, wenn der erhoffte beste Freund auf einmal einen anderen besten Freund hat.

          Bei Rüdiger Bertram ist es Heribert Schulmeyer, der den beiden Freunden Gestalt, ihren – lediglich imaginierten – Erlebnissen Witz und der Geschichte Farbe verleiht. Bertram und Schulmeyer sind Freunde im richtigen Leben, dazu Kollegen, die ihr Zusammenspiel an vielen gemeinsamen Büchern entwickelt haben, von der Schulanfängerreihe „Mo und die Krümel“ zu den „Coolman“-Büchern um den jungen Kai und seinen für andere unsichtbaren Begleiter und Anstifter.

          Für „Richtig dicke Freunde“ hat sich Heribert Schulmeyer einen storchenähnlichen Vogel ausgedacht, der auf seinen Freund wartet. Gleich das erste Bild zeigt ihn umgeben von identisch aussehenden Artgenossen, allerdings als einzigen mit Hut, eigenwillig und erwartungsfroh. Dass es beim Umblättern ausgerechnet ein Flusspferd ist, mit dem er sich vorstellt, einmal um die Welt zu sausen, tatsächlich aber gerade einmal auf Skateboards einen Gehweg entlangbrettert, zeigt dem jungen Lesepublikum gleich zweierlei: Gleichen müssen Freunde einander nicht, und zwischen innerem Erleben und äußeren Gegebenheiten ist viel Platz für eine der schönsten Zutaten kindlicher Freundschaft, für Phantasie.

          Heribert Schulmeyer, Rüdiger Bertram: „Richtig dicke Freunde“. Verlag Annette Betz, Berlin 2020. 32 S., geb., 14,95 €. Ab 4 J.
          Heribert Schulmeyer, Rüdiger Bertram: „Richtig dicke Freunde“. Verlag Annette Betz, Berlin 2020. 32 S., geb., 14,95 €. Ab 4 J. : Bild: Verlag Annette Betz

          Der imaginierte Beistand, wenn sich der Freund fürchtet, erweist sich auf dem mit Bleistift konturierten Aquarell Schulmeyers als Nebeneinander der beiden vor dem Fernseher. Das Flusspferd würde sich auf dem Sofa am liebsten selbst in den Arm nehmen, neben ihm fläzt sich amüsiert der Vogel in die Polster: Ihn kann das Gesehene offensichtlich nicht ängstigen, seine bloße Anwesenheit muss als Trost für den Freund genügen. Mit dem Wunsch, in den Lieblingsbaum nicht etwa ein Baumhaus, sondern gleich ein ganzes Schloss gebaut zu bekommen, hängt der Vogel im Schweinebaumel erwartungsfroh von einem Ast, während das Flusspferd mit ein paar Brettern unter dem Arm partout nicht zu wissen scheint, wie es dem Freund diesen Wunsch auch erfüllen soll. Zur Vorstellung des Vogels, das Flusspferd möge ihm verraten, was hinter dem Meer ist, hat der Illustrator die beiden an der Küste im Sonnenuntergang gemalt, den einen mit vertrauensvollem Blick auf den Horizont, den anderen den einen seitlich fragend anschauend, als wäre ihm nicht ganz klar, woher er die Antwort nehmen soll. Auch Überforderung oder, aus umgekehrter Sicht, maßlose Erwartung in die Fähigkeiten des anderen gehören zu einer Freundschaft.

          Beim gemeinsamen Wannenbad ist der Platz ungleich verteilt, beim Drachensteigenlassen ist es der Erfolg: Immer wieder bietet der leise Bildwitz beim Vorlesen Gelegenheit zum beiläufigen Gespräch über Freundschaft. Und wenn auf der letzten Seite die anderen Vögel geschlossen auffliegen und Luftblasen auf dem Wasser auftauchen, gefolgt von dem ersehnten Freund, ist das ein Glücksgefühl, dass sich unmittelbar auch auf die Leser überträgt.

          Heribert Schulmeyer, Rüdiger Bertram: „Richtig dicke Freunde“. Verlag Annette Betz, Berlin 2020. 32 S., geb., 14,95 €. Ab 4 J.

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