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Franziska Gehm, Horst Klein: „Hübendrüben“. Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren. Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2018. 40 S., geb., 14,– Euro. Ab 7 J. Bild: Klett Kinderbuch

Bilderbuch „Hübendrüben“ : Nach dem Mauerfall geht es weiter

Das Bilderbuch „Hübendrüben“ erzählt von der Zeit, als die Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren: das dritte überaus gelungene Buch des Klett Kinderbuch Verlags, das sich der deutschen Teilung und der friedlichen Revolution 1989 widmet.

          „Hier im Buch ist ja urstes Wuhling.“ Wer diesen Satz auf Anhieb versteht, ist sehr wahrscheinlich in der DDR aufgewachsen. Auch Ausdrücke wie „fakt“, „das fetzt“ oder „Du bist hier nicht auf der Fritz Heckert!“ – eine häufig elterliche Ermahnung an nörgelnde Kinder – dürften gelernten DDR-Bürgern ebenso geläufig sein, wie es wohl in der ehemaligen Bundesrepublik Aufgewachsenen Phrasen wie „astrein“, „ultrastark“, „null Bock“ oder „Dann geh doch rüber!“ sind. Das wunderbare Buch „Hübendrüben“ vereint Begriffe wie diese, die in zwei deutschen Ländern vor unserer Zeit Realität waren und die sich Kinder von heute und selbst deren Eltern schon gar nicht mehr vorstellen können.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          In pointierten, kurzen Texten und bisweilen urkomischen Bildern erzählen die Autorin Franziska Gehm und der Illustrator Horst Klein die Geschichte von Max und Maja, die als Cousin und Cousine in den achtziger Jahren in der Bundesrepublik und der DDR aufwachsen. Beide Kinder lieben Eis, Winnetou und Rollschuhe, und dennoch ist manches auch anders. Max’ Familie lebt in einem eigenen Haus, fährt Golf, und seine Mama ist Hausfrau. Majas Familie lebt in einer Neubauwohnung, fährt Trabant, und beide Eltern gehen arbeiten. Auf jeweils gegenüberliegenden Seiten begleiten die Leser beide Kinder im Alltag – in der Schule, beim Spielen am Nachmittag und im Urlaub. Max etwa isst zu Hause Mittag, während Maja an der „Schulspeisung“ teilnimmt und im Hort ihre Hausaufgaben macht, die Max daheim am Küchentisch erledigt. In den Urlaub fliegt Max mit seiner Familie nach Spanien, während Maja und ihre Eltern in einen Bungalow nach Mecklenburg fahren, und beide Kinder haben einen Traum: Max will Astronaut werden, Maja Kosmonautin.

          Trotz aller offensichtlichen Unterschiede wird beim Lesen und Anschauen schnell deutlich, wie wenig die „Systemfrage“ im Alltag eine Rolle spielte. Die Menschen diesseits und jenseits der Mauer lebten ihre Leben und warteten damit auch im Osten nicht bis in eine ungewisse Zukunft. Besonders verdeutlichen das die beiden Buchseiten über die Sommer in Ost- und in Westdeutschland, sind sie doch ohne weiteres austauschbar, so dass Kinder heute zu Recht fragen werden, warum es denn dann überhaupt zwei Länder gab. Den Systemkonflikt spart das Buch nicht aus, sondern beantwortet die Frage kindgerecht, aber in aller Deutlichkeit mit dem von Deutschland ausgelösten Weltkrieg. Eine große Stärke der Autoren ist es, im Folgenden nicht automatisch den Westen als Gewinner und den Osten als Verlierer darzustellen, sondern den, jedenfalls anfangs, heftig ausgetragenen Wettstreit zu erwähnen, in welchem Staat das Leben nach der Katastrophe des Krieges denn nun wirklich besser sei. „Wir sind die Guten!“, rufen Menschen auf beiden Seiten, bis viele von ihnen mit den Füßen abstimmen und die Freiheit der Gleichheit vorziehen.

          Realistischer als manche historischen Publikationen

          An dieser Stelle ploppt aus dem Buchrücken eine halbe Seite als graue Mauer zwischen Ost und West auf. Ohne die Begriffe Sozialismus und Kapitalismus zu erwähnen, werden Propaganda, Schießbefehl und die allgegenwärtige Angst vor einem Atomkrieg behandelt, die uns jetzt, mehr als 30 Jahre später, wieder einzuholen scheint. Inzwischen wissen wir, dass der Mauerfall, mit dem das Buch aufhört, nicht das Ende der Geschichte war. Die Autoren aber bieten hier nicht nur einen anschaulichen Geschichtsabriss für Kinder, sondern holen auch für Erwachsene schon fast vergessene Details einer längst vergangenen Zeit ans Tageslicht, als es etwa im Flugzeug noch gratis warmes Essen gab oder in der es häufig zu Hause klingelte und kein DHL-Bote, sondern Vertreter für Tiefkühlkost, Staubsauger oder Gottes (im Westen) und Altstoffe sammelnde Pioniere (im Osten) vor der Tür standen.

          Nach „Fritzi war dabei“ von Hanna Schott und „Pullerpause im Tal der Ahnungslosen“ (auch von Franziska Gehm) ist „Hübendrüben“ das dritte überaus gelungene Buch des noch jungen Leipziger Klett Kinderbuch Verlags, das sich den Themen deutsche Teilung und Friedliche Revolution 1989 widmet. Die Buntstiftzeichnungen und die nach Bleistift aussehenden Texte verstärken den Eindruck eines Erinnerungsalbums, das Sprechblasen mit Kommentaren, eine Fülle von Details und Anmerkungen mit viel Augenzwinkern ergänzen, etwa beim Thema Ein- und Auspacken von West-Paketen. Den Autoren gelingt hier ein um vieles realistischerer Blick auf das Leben in beiden deutschen Staaten, als es viele historische Publikationen und Erzählungen auch für Erwachsene bisher vermochten. So lässt dieses Buch nicht nur Kinder Geschichte erleben, sondern ist auch eine Erinnerung für deren Eltern.

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