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Benjamin Tienti: „Unterwegs mit Kaninchen“. Mit Bildern von Anke Kuhl. Dressler Verlag, Hamburg 2019. 208 S., geb., 13,– €. Ab 10 J. Bild: Dressler

Kinderbuch von Benjamin Tienti : Allein wird das nichts

Haarsträubende Situationen, skurrile Gestalten und witzige Sprüchen in einer so einfühlsamen wie originellen Geschichte über Eigenwilligkeit, Freundschaft und Vertrauen: Benjamin Tientis Kinderbuch „Unterwegs mit Kaninchen“

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          Wenn es mal wieder alles ein bisschen viel ist für Andrea, verkriecht sich der Junge in den Pappkarton, in dem sein Vater einmal die neue E-Gitarre geliefert bekommen hatte: Hier, in der Muffigkeit, der Wärme, der Enge hat er alles unter Kontrolle. Und wenn es viel zu viel ist, dann müssen es an der Luft hart getrocknete Saftbärchen sein: „Ich stopfe mir eine ganze Handvoll in den Mund und fühle mich wie ein Hamster: Augen zu, Gesicht zur Decke, und kaue auf meinen Gefühlen rum, bis sie wieder in meinen Bauch passen.“

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          In seinem Kinderbuch „Unterwegs mit Kaninchen“ findet Benjamin Tienti großartige Bilder für Gefühle, und das gleich auf zwei Ebenen: äußerlich, wenn es um das Rückzugsbedürfnis eines vielleicht elf Jahre alten Jungen mit erklärungsbedürfigem Vornamen geht, oder um die Verlorenheit seines Vaters, der zum Kochen immer alles einkauft, was auf der Rezeptliste steht – jetzt stapeln sich acht Packungen Salz im Küchenschrank. Aber auch innerlich, wenn Andrea, der zum allergrößten Teil in diesem Buch erzählt, Worte für seine Lage, seine Vorlieben, seine Gefühle finden muss. Und seine Lage eskaliert.

          Andreas Mutter ist schon lange aus der Berliner Wohnung ausgezogen. „Ich muss doch mein Leben leben“, sagt sie ihm, fast am Ende der Geschichte. Seit zwei Jahren ist jetzt schon viel Platz und wenig Halt im Leben von Vater und Sohn. Dass der Vater von der Arbeit im Krankenhaus Farah und Fidaa mit nach Hause bringt, eine Mutter und eine Tochter aus Syrien, die nicht wissen wohin, ist also zugleich naheliegend und entsetzlich.

          Das hätte es gar nicht gebraucht

          Farah spricht nur Arabisch, Fidaa indes auch einwandfrei Deutsch – im Angriffsmodus. Auch ohne Neigung zum Verkriechen in Pappkartons kann man sich vor dem Mädchen fürchten: wenn aus dem Nebenzimmer die Schreie kommen, mit denen sie ihr tägliches Taekwondo-Training absolviert, und Drohungen, wenn man sie bitten will, leiser zu sein. „Wenn du noch mal lauschst, bist du tot.“ Dann lässt sie auch noch Maikel fallen, Andreas altersschwaches Kaninchen, das sich prompt die Pfote bricht und nicht nur den Tierarzt von Erlösung sprechen lässt.

          Für den Jungen gibt es nur noch eine Lösung: die nächtliche Flucht - aus dem Karton, aus der Wohnung, aus Berlin, zu seiner Mutter, in eine autofreie Kommune bei Freiburg, in der sie als Heilerin schaffen muss, was dem Tierarzt nicht gelungen ist. Maikel wieder auf die Beine zu bringen. Wie sie das immer macht: mit Energie. Und für das Mädchen gibt es nur eine Entscheidung, als Fidaa bemerkt, wie Andrea heimlich das Haus verlässt: mitzukommen. Das merkt Andrea aber erst im Zug, als die beiden ein erstes Mal um Haaresbreite skeptischen Erwachsenen entwischen, die sie nach Hause schicken oder die Polizei holen wollen. Weiter als bis nach Spandau haben sie es da noch nicht geschafft.

          Zwei ungleiche Kinder, die einander mehr mögen, als sie sich eingestehen können, auf ihrem Weg quer durch Deutschland, mit einer Kühlbox, in der ein Kaninchen zu sterben scheint; Erwachsene zum Weglaufen und Erwachsene, die den beiden zutrauen, schon zu wissen, was sie wollen; am Ende eine Enttäuschung und eine Überraschung: Das Buch wäre auch gut ohne die Einschübe ausgekommen, in denen das Kaninchen auf seine flapsige Art das Geschehen kommentiert und zum Weiterlesen animiert. Schließlich erzählt Benjamin Tienti eine rasante Geschichte mit haarsträubenden Situationen, skurrilen Gestalten und witzigen Sprüchen. Und zugleich ganz unaufdringlich eine so einfühlsame wie originelle Geschichte über Eigenwilligkeit und Angst, Verlassensein und Flucht, Freundschaft und Vertrauen.

          Benjamin Tienti: „Unterwegs mit Kaninchen“. Mit Bildern von Anke Kuhl. Dressler Verlag, Hamburg 2019. 208 S., geb., 13,– €. Ab 10 J.

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