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„Bianca“ von Bart Moeyaert : Die Streichhölzer stets griffbereit

Erst im vergangenen Jahr erhielt der belgische Schriftsteller Bart Moeyaert den Astrid Lindgren Memorial Award, eine Art Nobelpreis für Kinderbuchautoren. Bild: Dries Luyten

Niemals „Scheidung“ sagen: Bart Moeyaerts neuer Roman „Bianca“ erzählt von einem Mädchen, das die Welt der Soap-Operas mit der eigenen vergleicht.

          3 Min.

          Wenn es in der realen Welt düster wird, ist Fiktion oft ein Trost. Die zwölf Jahre alte Bianca, „ein Mädchen mit Gebrauchsanweisung“, wie ihre Mutter sie nennt, findet ihren Trost im Fernsehen: In der Soap „Hier bei uns“ steht Ilona, eine toughe Frau, hinter dem Tresen, zapft Bier und hört den Menschen zu, die täglich in ihre Kneipe strömen. Von Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder dem Klimawandel ist nie die Rede, nur von Alltagsnöten und Liebeswirrwarr. Bianca weiß warum: „Um halb sieben sind noch Kinder wach. Kinder dürfen viele Dinge wissen, aber Sorgen dürfen sie sich nicht machen.“

          Das ist leicht gesagt. Bianca schaut „Hier bei uns“ auch, weil sie eine ganze Menge Sorgen hat: eine Mutter, die nicht so lässig ist wie Ilona und sich zu viel mit Biancas herzkrankem Bruder und ihrer frisch gekauften Einbauküche beschäftigt. Einen Vater, der mit seiner neuen vierundzwanzigjährigen Freundin in einer Kommune lebt und von seiner Tochter dabei nicht gestört werden möchte.

          Eines Tages im Sommer treffen Fiktion und Realität aufeinander. Als Bianca zurückkommt aus ihrem Geheimversteck im Garten, in das sie sich zurückzieht, wenn sie genug von ihrem Bruder Alan und ihrer Mutter hat, sitzt Billie King im Wohnzimmer. Billie ist Biancas Lieblingsschauspielerin und ebenjene Ilona aus dem Fernsehen, die Bianca so bewundert. In der echten Welt ist sie die Mutter eines Freundes von Alan und trinkt nun mit Biancas Mutter Tee.

          Bart Moeyaert: „Bianca“. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser Verlag, München 2020. 144 S., geb., 14,– €. Ab 11 J.

          Der Nachmittag mit Billie King ist der Zeitrahmen, in dem „Bianca“, das neuste Buch von Bart Moeyaert, spielt. Erst im vergangenen Jahr erhielt der belgische Schriftsteller den Astrid Lindgren Memorial Award, eine Art Nobelpreis für Kinderbuchautoren. In ihrer Begründung sprach die Jury „von unterdrückten Wünschen und unausgesprochenen Emotionen“, die Moeyaert mit seiner Sprache vermittele. Auch in „Bianca“ bleibt vieles unausgesprochen. Weil die ganze Geschichte aus Sicht der Protagonistin erzählt wird, verzichtet Moeyaert auf Erklärungen. Eindeutige Worte wie Scheidung, Krankheit, Eifersucht und Einsamkeit kommen nie vor, stattdessen gibt es verkrampfte Dialoge und Worthülsen, die vor lauter Verlegenheit ausgetauscht werden: „Mama setzt sich und hebt den Teller mit den Kuchenstücken hoch. ,Der darf ruhig alle werden.‘ ,Gut zu wissen‘, sagt Billie.“ Oder ungeschickte Versprecher, mit denen Biancas betont fröhliche Mutter ihre ganze familiäre Notlage offenbart: „,Seit meiner neuen Küche kenne ich mich aus mit, äh‘, eigentlich will sie ,einem Umbau‘ sagen, verspricht sich aber, ,einem Umbruch.‘ Sie ist die Einzige, die lacht.“

          Das ist so tragisch wie lustig, weil vermutlich jeder solche Situationen kennt. Es ist aber auch lebensnah, weil es nie nur Kummer oder Freude gibt, sondern oft genug alles zugleich. Im Gegensatz zu „Hier bei uns“ spart „Bianca“ weder Sorgen aus noch vieles andere, was zu unserer heutige Realität dazugehört: Es gibt komplizierte Trennungen und glückliche homosexuelle Eltern. Es gibt das Fernsehen, das im Internet durch GIFs weiterlebt. Es gibt sogar eine Art Shitstorm, weil die Serien-Ilona plötzlich eine Halbschwester hat, die das Publikum überhaupt nicht leiden kann. Trotzdem ist „Bianca“ keine erdrückende Problemgeschichte oder gewollt zeitgemäß. Viele Themen werden nur angerissen, fallen ganz nebenbei und so subtil, dass klar wird: Das ist sie nun mal, unsere heutige Welt.

          Auch in Biancas Gedanken geht es, wie bei den meisten, nicht so geordnet zu wie im Vorabendprogramm. Denn dass man immer nur einen Gedanken aussprechen kann, heißt nicht, dass man nicht viele gleichzeitig denken kann. Moeyaert zeigt das durch Schrägstriche: „Zum Glück nur um ein Haar/die Streichhölzer liegen immer griffbereit/meine Lunte ist kurz.“ Leider muss man sich beim Sprechen im Gegensatz zum Denken aber für eine Sache entscheiden, und die ist oft die Falsche. Deshalb gibt es in Beziehungen wie in der zwischen Bianca und ihrer Mutter eine Menge Missverständnisse. Das weiß auch Bianca: Weil zu einem Streit immer zwei gehören, nennt sie sich, als sie sich ihrer Heldin Billie King vorstellt, vorauseilend „Perdón“, Verzeihung. Das versteht wiederum niemand, was prompt zur nächsten peinlichen Situation führt. Doch das gehört nun mal dazu.

          Moeyaerts Buch ist nie simpel oder eindimensional und trotz Kummer und Missverständnissen eine hoffnungsvolle, versöhnliche Geschichte. Schließlich sitzt da plötzlich die Lieblingsschauspielerin im Garten. Wenn das kein Trost ist.

          Bart Moeyaert: „Bianca“. Aus dem Niederländischen von Bettina Bach. Hanser Verlag, München 2020. 144 S., geb., 14,– €. Ab 11 J.

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