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Bart Moeyaerts Kinderbuch „Wer ist hier der Chef?“ : Wie es ist, auf einen Herrn zu warten, der nicht kommt

Bild: Hanser

Was kümmert es die Katze, wenn sie ein dummer Hund anheult? Gar nicht. In Bart Moeyaerts neuem Kinderbuch „Wer ist hier der Chef?“ macht sie sich lieber Gedanken über die Freiheit.

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          Der Hund ist an einen Baum gebunden, der Strick so kurz, dass sich das Tier gerade einmal hinlegen kann. Jetzt jault und fiept der Ärmste, heult des Nachts, Hunger, Durst und Kummer werden immer größer, und doch wartet er unerschütterlich auf seinen Herrn. „Und er kommt nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr und holt dich wieder ab?“, fragt ihn die Katze skeptisch, vielleicht auch ein bisschen hämisch. „Ja“, antwortet der Hund. „Wahrscheinlich.“ Und schließlich: „Glaubst du das etwa nicht?“

          Die Katze glaubt es natürlich nicht in Bart Moeyaerts so beunruhigendem wie bezauberndem Kinderbuch „Wer ist hier der Chef?“. Sie braucht keinen Herrn und glaubt an keinen Herrn, und in den Tagen und Nächten, in denen zwar nicht seine Hoffnung, aber doch der Hund langsam schwächer wird, trifft die Katze die Eule, den Fuchs, die Motte, und sie reden über den treuen Hund. Der sich nicht losreißen will und schließlich nicht einmal mehr den Kopf heben kann, als er sagt, dass es jetzt nicht mehr lange dauern wird. Wohl wahr: Das Ende ist offensichtlich nah, und sogar der Katze tut er schließlich leid. Wenn sie nicht wüsste, wie wählerisch Hunde sein können: Sie würde ihm glatt vielleicht eine Maus fangen.

          Anders als in „Bloße Hände“, dem Buch, für das der belgische Autor 1998 den Deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat, lässt Bart Moeyaert den Hund dann doch nicht vor den Augen seiner Leser sterben: Eines Morgens ist er einfach verschwunden, nur der Strick hängt noch am Baum. Und nicht einmal das zeigen die Illustrationen von Katrien Matthys, raffinierte Holzschnitte, die nicht nur zwischen Tag- und in Ausklappseiten versteckten, auf schwarzem Grund gedruckten Nachtepisoden die Farbe wechseln, hart in ihrem schlichten Schwarzweißkontrast und hart in ihrer Deutlichkeit, mit der Fressen und Gefressenwerden, der Tod im Allgemeinen hier ansonsten zu sehen ist.

          Sie weiß, wie es ist, selbst Herr zu sein

          „Wer ist hier der Chef?“ ist ein unheimliches Buch. Die Tiere mögen einander nicht. Sie trauen einander nicht. Sie beargwöhnen einander, sie fordern sich heraus. Das führt zu einer Reihe hochinteressanter Begegnungen, in denen Bart Moeyaert die fabelhaften Eigenschaften der Tiere in Charakterzüge, in Eigenwilligkeiten überführt und ihnen zugleich alles Niedliche oder Einfache nimmt, was Kindergeschichten mit sprechenden Tieren sonst gern auszeichnet.

          „Bist du frei?“, fragt die Katze die Eule, als sie von ihrem Ast aus auf den kurz angebundenen Hund schauen. „Man kann sich nicht vorstellen, wie frei“, antwortet die Angesprochene davonfliegend, und wir Leser sinnen ihrer Gleichgültigkeit verwundert hinterher. Als die Motte aufgeregt erklärt, sie warte auf den Herrn, und zwar auf „den Herrn von allem und jedem“, wird die Katze beinahe aggressiv: Sie weiß wohl, wie es ist, selbst ein Herr zu sein oder sich wie einer aufzuführen. Katzen wissen so etwas. Und es ist das große Glück der Motte, dass gerade jetzt im nahen Haus ein Licht angeht und sie fortlockt: „Dort ist er! Dort ist er!“

          Auch wenn die Motte das Thema der Tiere, die Freiheit, ins Theologische weitet: In der deutschen Übersetzung bleibt ihr Wortwechsel mit der Katze ebenso Episode wie umgekehrt der Titel des Buchs uneingelöst: Auch wenn die Wortwechsel der Tiere ein Kräftemessen sind, um Machtfragen geht es hier nicht. Im flämischen Original heißt das Buch „De baas van alles“, und baas steht für Herr und Meister genauso wie für Boss oder Chef.

          Das Buch ist ein Schmetterling

          Einmal nervt ein Schmetterling die Katze. Dieses schlampige Geflatter! Ob er nicht mal einen geraden Weg probieren könne, fragt sie ihn. „Wenn ich den kürzesten Weg wähle“, ist die Antwort, „dann komme ich nicht - nun - hierher. Dann komme ich zu dem Punkt, wohin mich der kürzeste Weg führt, das ist etwas ganz anderes.“

          Keine Frage: Es geht um die großen Fragen. Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Auf seine eigene Art, leise und ansteckend, ist „Wer ist hier der Chef?“ natürlich ein philosophisches Buch. Wer es mit Kindern liest, wird sie schnell im eigenen Denken versunken sehen und kann damit rechnen, es in einem ruhigen Moment mit ihren Gedanken zu Hund, Katze, Fuchs und Freiheit zu tun zu bekommen. Dabei ist das Buch etwas ganz anderes als die Philosophiergeschichten für Kinder, in denen mitunter kurze Passagen gleich ohne jede Einwirkzeit mit Rückfragen versehen und mit farbigen Markierungen schon den vier berühmten Themenbereichen zugeordnet sind, in die Kant die Philosophie einst unterteilt hat. Bart Moeyaerts Buch ist kein Werk der klaren Fragen und kurzen Wege. „Wer ist hier der Chef?“ ist ein Schmetterling.

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