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Barry Jonsbergs Jugendbuch : Grips, Liebe, Hoffnung

Bild: cbt

Wenn man sich weder anpassen noch einspinnen will: Barry Jonsbergs Jugendbuch „Das Blubbern von Glück“ erzählt die Geschichte eines zwölf Jahre alten Mädchens in verzwickter Lage.

          3 Min.

          Ich will mich nicht brav anpassen, mich aber auch nicht in meinen Eigensinn einspinnen, wo ich versauern würde - lässt sich beides auf einmal vermeiden, wäre dies nicht das Leben? Die Frage deckt sich leider nicht ganz mit dem, was Erwachsene meinen, wenn sie vom Erwachsenwerden reden. Denn man kann sehr wohl erwachsen sein, ohne sie je beantwortet zu haben. Die zwölfjährige Candice Phee ringt mit dieser Frage auf rund zweihundertfünfzig Seiten eines lustigen, manchmal anstrengenden, immer abwechslungsreichen Textes, dessen Kapitelüberschriften nach dem Alphabet geordnet sind - von „Aufsatz“ (denn darum handelt es sich: Sie soll ihrer Lieblingslehrerin ihr Leben erklären, was allerdings schnell aus dem Ruder läuft) bis „Zeitenwende“: ein großes zusammenfassendes Wort, das aber nicht zu groß ist für das Kunststück, das Candice schließlich zustande bringt. Sie findet auf die obenstehende Frage zwar keine stabile, orts- und zeitunabhängige Antwort, weil es so etwas gar nicht gibt, aber eine Methode, mit der sich je nach Lage brauchbare Momentlösungen für das unentrinnbare Grundproblem präzise konstruieren oder auch mal dreist herbeiflunkern lassen.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei ist die Versuchsanordnung, in die sie sich eingangs geworfen sieht, denkbar düster: Ihre kleine Schwester ist im Kinderbettchen gestorben, ihre Mutter, von diesem Schock noch sehr mitgenommen, überlebt nur dank eines lebensverändernden Eingriffs eine Krebserkrankung und versinkt seither in einer schweren Depression, bei der ihr Candices Vater keine Hilfe ist, weil der außer am gemeinsamen Familientrauma auch noch an geschäftlichem Unglück herumkaut, weil ihn sein Bruder, den Candice „Reicher Onkel Brian“ oder „ROB“ (englisch für: rauben) nennt, auf juristisch untadelige, menschlich aber schwer enttäuschende Weise bei einem gemeinsamen Softwareprojekt übervorteilt hat.

          Man muss nur hinschauen

          Der Beistand, den Candice selbst erfährt, ist karg und wackelig. Sie besitzt einen Fisch, den sie „Erdferkel“ nennt und den sie daran zu hindern versucht, sich eine Religion mit Candice als Gottheit auszudenken, und kann nur einen einzigen Menschen wirklich ihren Freund nennen, den Mitschüler Douglas Benson, einen Hochbegabten, der nach einer Kopfverletzung davon überzeugt ist, aus einer anderen Dimension zu stammen und daher bei völlig falschen Eltern einsortiert worden zu sein. Die Brieffreundin, die sie außerdem noch hat, antwortet sehr lange überhaupt nicht und ist im Wesentlichen eine Platzhalterin der Schwierigkeit von Kommunikation überhaupt.

          Traurige, verrückte, beschädigte Menschen, „gehfähige Verwundete“ (Kurt Vonnegut) stellen also das Personal in „Das Blubbern von Glück“, aber Barry Jonsberg, ein auf dem Markt wie bei der Kritik und einschlägigen Preisjurys sehr erfolgreicher australischer Jugendbuchautor, betrachtet sie nicht durch die seit den siebziger Jahren so wohlfeile Brille der Außenseiterbewunderung, die von Kaputten tiefere Wahrheiten erwartet als von Durchschnittswesen, sondern als das längst Normale, das sie für seine Heldin sind, die einfach weiß: Je näher man Leute anschaut, desto weniger fertig sehen sie aus und desto mehr Chancen ergeben sich, ihre Individualität durch schöpferische Zumutungen mitzugestalten und sie einzuladen, dasselbe auch an ihren Nächsten zu vollbringen.

          Eine stachlige Sorte Poesie

          Candice ist keine Träumerin, sondern realistisch mit leicht zwanghafter Konsequenz - Metaphern gegenüber hegt sie ein gesundes Misstrauen, Fakten, Daten und Ereignisprotokollsätzen aber geht sie so konsequent auf den Grund, bis diese scheinbar nüchternen Atome des Ganzen ihre verborgenen Komik-Kerne freisetzen: „Später hörte ich, dass Dad auf dem Weg aufgewacht war und festgestellt hatte, dass er nur Zentimeter von seinem Bruder entfernt lag. In seinem gehirnerschütterten Zustand fiel ihm wieder ein, dass mein reicher Onkel Brian ihm das Knie gegen den Kopf gedonnert und ihn davon abgehalten hatte, seine Tochter zu retten. Er versuchte, ROB zu erwürgen, und musste gebändigt werden. Wie ich den Erfolg meines Plans zur Familienversöhnung einstufe? Auf einer Skala von null bis zehn? Ungefähr minus fünfzehn.“

          Die knackige Nüchternheit dieses Berichtsgestus trägt eine stachlige Sorte Poesie - die Übersetzung von Ursula Höfker wird diesem Ton fast immer gerecht: weder verschroben noch banal, sondern durchdrungen von der Kunst, beidem zu entkommen. Mit der Hilfe von Hoffnung, Liebe und Grips.

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