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Kinderbuch „Mortina“ : Halloween als Moment der Wahrheit

Keine Meisterin der Verschwiegenheit: Barbara Cantinis Zombie-Mädchen Mortina Bild: Barbara Cantini, dtv

Sei einfach du selbst: In Barbara Cantinis Kinderbuch „Mortina“ will ein Zombie-Mädchen nicht allein bleiben. Sie heckt einen grandiosen Plan aus und wird im entscheidenden Moment unvorsichtig.

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          Mortina hat natürlich recht: Ihre Idee ist wirklich grandios. Seit langem schon wünscht sie sich, all den Warnungen ihrer Tante zum Trotz, mit den Kindern aus dem Dorf in Kontakt zu kommen, sie vielleicht sogar als Freunde zu gewinnen. Doch die trauen sich höchstens bis zum eisernen Tor der alten Villa Decadente, und Mortina selbst darf sich nun mal nicht von ihnen sehen lassen. Aber jetzt steht Halloween ins Haus, das hat Mortina den Kindern hinter der Mauer abgelauscht, man verkleidet sich gruselig, zieht von Haus zu Haus, fordert Süßes und droht mit Saurem. Was für ein Spaß! Mortina will es ganz genau so machen wie die Kinder, am liebsten mit ihnen zusammen, nur eines will das pfiffige Mädchen anders machen: Es will sich nicht verkleiden. Sicher ist sicher.

          Mortina, die Heldin aus Barbara Cantinis gleichnamigem Kinderbuch, ist nämlich ein Zombie-Mädchen, leichenblass mit leicht graugrünem Schimmer, das ihren Hund Mesto schon mal den eigenen Arm apportieren lässt - man kann ihn ja nachher wieder annähen. Verkleiden kann sie sich mit den Gewändern ihrer Ahnen, spielen in der alten Villa mit dem unheimlichen Ostflügel nach Herzenslust, aber als sich Mortina einmal mit Großmutter Nefastas Kleidern herausgeputzt und wie ein lebendiges Kind geschminkt hatte, um endlich auch mal mit den anderen zu spielen, gab es Hausverbot, kaum dass Tante Dipartita wieder aus der Ohnmacht erwacht war. Dabei hatte Mortina die Sache mit dem Schminken doch für so eine brillante Idee gehalten!

          Ihr grandioser Plan zu Halloween hingegen sieht vor, die Tante abzulenken statt sie einzuweihen, er umfasst Versprechungen, mit denen sie den Kopf von Onkel Funesto, der eigentlich als Schmuckkästchen der Tante dient und es hasst, wenn sich irgendetwas verändert, zum Mitmachen und, wichtiger noch, zum Schweigen bringt - schließlich braucht doch auch das Zombie-Mädchen so etwas wie einen Korb, um all die Süßigkeiten einzusammeln. Ihr grandioser Plan geht sogar auf, wenigstens geht es eine Zeit lang gut: Auf der Straße trifft Mortina eine Gruppe verkleideter Kinder, sie überwindet ihre Schüchternheit und darf sich ihnen anschließen, sie lacht und singt und scherzt mit ihnen und lässt sich geduldig Martina nennen. Doch als die anderen einander schließlich zu übertrumpfen versuchen, wer von ihnen am gruseligsten aussieht, als der kleine Vampir seine spitzen Zähne, der Werwolf seine scharfen Krallen und die Hexe ihre scheußlichen roten Beulen zeigt, gehen mit Mortina die Pferde durch. Und den anderen Kindern anschließend die Worte aus. Ähnlicher sahen die fünf noch Sterblichen, die jetzt wie versteinert schauen, dem Zombie-Mädchen mit den kugelrunden Glubschaugen nie.

          Drei Kinderbuchseiten lang lässt Barbara Cantini ihre kindlichen Leser um die gerade erst geknüpfte Freundschaft bangen, während derselbe Anblick der fünf verkleideten Kinder immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Ist das arme Mädchen, das sich nun einmal „auch nicht vollkommen anders“ als alle normalen Kinder fühlte, jetzt wieder allein? Wo die Leser das Mädchen mit seinem Hang, die Illustrationen noch wie in einem Fotoalbum mit lauter Pfeilen und kleinen handschriftlichen Erklärungen zu versehen, doch von den ersten Seiten an in ihr Herz geschlossen haben werden. Oder, schlimmer noch: Muss Mortina sogar fliehen? Schließlich hatte ihr die Tante immer wieder ausgemalt, was passieren würde, sollten sie entdeckt werden.

          In ihrem ersten auch selbst geschrieben Buch gelingt es der italienischen Illustratorin, eine lustige Geschichte hinreißend und detailverliebt zu erzählen, die bei aller Eigenwilligkeit doch - neben dem Halloween-Fest - einen wichtigen Anknüpfungspunkt zum Leben ihrer Leser darstellt: die Frage nach Andersartigkeit und nach Anerkennung, die Sorge also, ob man so, wie man ist, auch gemocht wird. So vollkommen anders als das arme Zombie-Mädchen fühlen wir sterblichen Menschenkinder uns nämlich nicht.

          Barbara Cantini: „Mortina. Ein Mädchen voller Überraschungen.“ Aus dem Italienischen von Knut Krüger. dtv, München 2019. 48 S., geb., 10,95 Euro. Ab 6 J.

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