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Axel Schefflers Bilderwelten : Der Dämon mit den Kulleraugen

Geliebt und gefürchtet: Schefflers Grüffelo Bild: Axel Scheffler

Er schuf den Grüffelo und Flori Flunkerfisch, die Schnecke und den Buckelwal und Hund und Katz, für die auch noch Platz ist: Ein Besuch bei Axel Scheffler, dem erfolgreichsten deutschen Illustrator der Gegenwart, in London.

          „Er wollte das Experiment wagen. Ob sie sein Herz noch einmal zum Vibrieren brächte?“ So steht es unter einer Zeichnung Axel Schefflers, die an entlegener Stelle, in der Reihe „Die tollen Hefte“ im Maro Verlag, publiziert wurde. Das Bild zeigt im Vordergrund einen Hamster, so unsicher und angespannt, dass die Barthaare zittern. Daneben sieht man eine durchschnittliche Frau mittleren Alters im einfachen ärmellosen Kleid, diejenige offenbar, um die es hier geht. Und was immer einst zwischen dem Hamster und ihr vorgefallen ist, was immer noch Herzerschütterndes geschehen wird, alles bekommt eine neue Dimension durch den Gegenstand, den sie in ihren Händen hält: einen Staubsauger.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer Axel Schefflers Bildern vorschnell auf den Leim geht, der sieht nur Kulleraugen und Niedlichkeit. Nicht, dass es das dort nicht gäbe, auch nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, wenn es mit solcher Kunstfertigkeit und Raffinesse ausgeführt ist und wenn die klaren Konturen der zentralen Zeichnungen von so vielen zauberhaften kleinen Details am Rand umspielt werden. Sie stiften Chaos, wo Eindeutigkeit droht, sie legen neue Fährten und dröseln den Erzählstrang genüsslich auf.

          Es schwirrt einem der Kopf

          Und das mitunter im Einklang mit dem Text: „Das Lieblingsbuch von Benni Stern“ etwa, geschrieben von Julia Donaldson und gezeichnet von Axel Scheffler, erzählt von einem Jungen, der gerade ein Piratenbuch liest. Darin steht, wie ein Piratenkapitän auf einer Insel in einer Schatzkiste ein Buch findet, das wiederum von drei Bären erzählt, die am liebsten Rittergeschichten lesen, und so geht das immer weiter. Am Ende schwirrt einem der Kopf bei so viel verschachtelten Büchern, und Schefflers Bilder wirbeln munter mit, weisen listig vor und zurück und machen so aus der linearen Erzählung ein Tableau, das ganz richtig auf der letzten Seite wieder bei Benni Stern angekommen ist.

          Geliebt und gefürchtet: Schefflers Grüffelo Bilderstrecke

          Axel Scheffler ist der erfolgreichste deutsche Illustrator der Gegenwart. Das zeichnete sich ab, als er sich 1993, damals schon ein etablierter Künstler, bei seinem Verlag für das Manuskript einer Kinderliederautorin stark machte und Julia Donaldsons gereimtes „Mein Haus ist zu eng und zu klein“ dann auch selbst illustrierte. Zehn gemeinsame Bücher haben sie miteinander herausgebracht, das bislang letzte von ihnen, „Stockmann“, erscheint am 15. September auf Deutsch, und seit dem Erfolg des „Grüffelo“, der sich weltweit über zwei Millionen Mal verkaufte, werden ihnen die neuen Bände aus den Händen gerissen.

          Es hat sich mit der Ordnung

          Scheffler, der 1957 in Hamburg geboren wurde, kam nach einem, wie er sagt, „ergebnislosen Studium der Kunstgeschichte“ 1982 nach England und studierte in der Nähe von Bath Graphik. Seit 1986 lebt er als Illustrator in London, seit einiger Zeit in einer Wohnung im Südosten der Stadt, in der Nähe der Sternwarte von Greenwich. Das mit prächtigen Säulen geschmückte Haus steht auf einem Hügel, der Blick aus den großen Fenstern geht frei, ein paar Schritte weiter fängt der akkurate Park an, aber dann hat es sich auch schon mit der Ordnung.

          In Schefflers Arbeitszimmer im ersten Stock verschwindet der Tisch unter Gläsern, Büchern und Papierbögen, unter Unmengen von Pinseln und Farbtöpfchen. Ein Regal biegt sich unter Belegexemplaren seiner Bücher - „Die Schnecke und der Buckelwal“, „Flunkerfisch“, „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“ und viele mehr, dazu kommen noch Puzzles und Malbücher auf der Grundlage dieser Bücher. Ein Schrank mit breiten, flachen Schubladen bewahrt Entwürfe und Skizzenbücher.

          Fasziniert von Paranoia

          Und die sind ein Schatz: Sie stecken voller Miniaturen, darunter eine hinreißende Füßli-Adaption mit einem kulleräugigen, dabei nicht minder dämonischem Alb. Sie zeigen Menschen und Tiere aufs Wesentliche reduziert, nicht selten in grotesken Situationen: Ein Mann rudert rückwärts in ein riesiges Fischmaul, ein anderer trägt eine schwere Kette um den Hals, deren anderes Ende in der Hand einer Frau verschwindet, die einen Kinderwagen schiebt, ein Dritter flieht gestreckten Beines, während über ihm ein tropfenförmiger Stern schwebt und man zu seinen Füßen liest: „Der Komet drohte ihm genau auf den Kopf zu fallen.“

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