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„Pluck mit dem Kranwagen“ : Die Stampferchen machen Ernst

Annie M. G. Schmidt: „Pluck mit dem Kranwagen“. Mit Bildern von Fiep Westendorp. Aus dem Niederländischen von Rosel Oehlke. Ellermann Verlag, Hamburg 2015. 208 S., geb., 14,99 €. Ab 5 J. Bild: Ellermann Verlag

Zu viel Hasselbeeren sind auch nicht gut: In einer Prachtausgabe ist Annie M. G. Schmidts „Pluck mit dem Kranwagen“ neu zu entdecken.

          2 Min.

          Wo er herkommt, weiß niemand, vermutlich nicht einmal er selbst. Auf einmal ist der kleine Pluck da und bezieht den leer stehenden Turm auf dem Dach eines zwanzigstöckigen Hochhauses. Von Eltern ist nicht die Rede, von Schule auch nicht, und warum Pluck so selbstverständlich mit den Tieren spricht, bleibt unklar. Sicher sind nur zwei Dinge: Pluck weiß, wann er Geburtstag hat. Und er besitzt einen Kranwagen, der ihn zum Helfer in der Not qualifiziert.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Pluck mit dem Kranwagen“ ist ein Kinderbuchklassiker der niederländischen Autorin Annie M. G. Schmidt (1911 bis 1995), die bei uns etwa durch den Zwerg „Wiplala“ oder das Katzenmenschenbuch „Die geheimnisvolle Minusch“ bekannt geworden ist. „Pluck“, erschienen 1971 im Original und 1973 auf deutsch, ist allen halbmagischen Elementen zum Trotz fest in seiner Entstehungszeit verwurzelt. Da ist die große Stadt, die den Hintergrund der Geschichte abgibt, da sind als Rückzugsorte für Naturfreunde ein großer Park und der Meeresstrand. Die Handlung besteht aus Kurzkapiteln, was nicht nur den Grundschülern das Selberlesen erleichtert oder allgemein den Text beim abendlichen Vorlesen angenehm portionierbar macht. Der eigentliche Gewinn aus dieser Entscheidung für die kleine Form ist ein wirkungsästhetischer: So entsteht ein Panorama mit einem Beginn - Plucks Ankunft -, aber ohne einen Abschluss. Eher als an einer stringenten Handlung scheint die Erzählerin an der geschilderten Welt interessiert, die sie in alle Richtungen ausleuchtet und deren Figuren sie miteinander in Beziehung setzt.

          Bunte Schar an Unterstützern

          Der Antagonismus zwischen Bauwerken und Park als Handlungsort setzt sich in der Geschichte fort: Pluck gerät im Hochhaus sowohl an den freundlichen Buchhändler Feder, der es als Tierfreund nicht so eng sieht, wenn Pluck der zarten Kakerlake Zaza im Turm einen behaglichen Zufluchtsort bereitet, wie auch an die putzwütige Frau Sauberer, die mit einer Sprühdose unbestimmten Inhalts auf das Insekt losgeht.

          Dass die Schar von Plucks Verbündeten stetig wächst, überrascht nicht so sehr, wie sie sich zusammensetzt; dagegen schon: Das Spektrum reicht von dankbaren Möwen und Tauben über ein höhenängstliches Eichhörnchen, ein Pferd, einen Major und einen Philosophen bis hin zu einer leeren Muschelschale, die mit ihren gelispelten Wegweisungen jedes Navigationsgerät in den Schatten stellt.

          Vom Ordnungszwang erlöst

          Die ganze Welt, so scheint es, ist mit dem Jungen. Und wenn Pluck Agathe, der ans Haus gefesselten Tochter von Frau Sauberer, zu einer Ferienreise ans Meer verhelfen will, dann nimmt selbst die Chaos-Familie Stampfer (ein Vater, sechs Kinder und eine vermüllte Wohnung direkt über Frau Sauberer) so weit Haltung an, dass sie Agathes Mutter täuscht, so dass das Mädchen mit ihnen verreisen darf.

          Für all dies fand die niederländische Illustratorin Fiep Westendorp expressive Bilder, und diese Neuausgabe des Bandes ist sogar um weitere aus dem Nachlass der 2004 gestorbenen Künstlerin ergänzt. Wenn man sich fragt, was heutige Leser mit diesem bald fünfzig Jahre alten Buch anfangen sollen, dann ist die vordergründige Antwort, dass sich an den Anforderungen, die der soziale Kosmos, den ein Hochhaus darstellt, nicht viel geändert hat. Aber es gibt einen viel näher liegenden Anknüpfungspunkt für eine gelungene Rezeption. „Hast du einen Kranwagen, oder hast du keinen Kranwagen?“, muss sich Pluck einmal fragen lassen, als er ratlos vor dem Problem eines anderen steht. Und das ist eine Frage, die weit über den konkreten Fall und auch weit über den Begriff „Kranwagen“ hinausweist. „Kannst du helfen, oder kannst du es nicht?“, so mag man sich diese Frage übersetzen, und wer sie bejaht, erhält damit auch einen Schubs in die richtige Richtung.

          Am Ende macht der Genuss der wildwachsenden wundersamen Hasselbeeren die Erwachsenen sorglos, die Zerstörung der Wildnis unterbleibt, aber die Ordnung der städtischen Welt bricht dabei zusammen, weil die Bäcker und Klempner ebenso wenig Lust zur Arbeit haben wie die Ärzte. Für Agathes Mutter aber sind die Beeren, in kleinen Dosen genossen, ein Segen. Vom Ordnungszwang erlöst, malt sie mit ihrer Tochter die Wände an. Es bleibt offen, wem damit am meisten geholfen ist.

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