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Kinderbuch von Annette Pehnt : Das macht mir bestimmt keinen Spaß!

  • -Aktualisiert am

Annette Pehnt: „Der Bärbeiß - Herrlich miese Tage“. Mit Bildern von Jutta Bauer. Hanser Verlag, München 2015. 96 S., geb., 10,- €. Ab 8 J. Bild: Hanser Verlag

Der zweite Band mit Geschichten vom Bärbeiß begleitet den Griesgram und seine Nachbarn durch den Jahreslauf. Annette Pehnt findet einfache Worte für komplexe Gefühle, und Jutta Bauer zeichnet Figuren, die man so schnell nicht vergisst.

          „Du kannst machen, was du willst, aber den Frühling kannst du nicht aufhalten“, erklärt das fröhliche Tingeli dem grimmigen Bärbeiß, der sich von nichts und niemand aufheitern lässt. Am liebsten würde er den ganzen Tag allein in seinem düsteren Haus im Bett liegen und sich die Decke über den Kopf ziehen.

          Doch das lässt das Tingeli nicht zu. Und auch die anderen Einwohner von Timbuktu, die höflichen Graureiher, der schwitzende Königspinguin, die quirligen Hasen, die trägen Faultiere, das neu zugezogene Schaf und das hilfsbereite Menschenmädchen Marie, das ab und zu vorbeischaut, sorgen dafür, dass der Bärbeiß nicht vollkommen in Trübsal und Selbstmitleid versinkt.

          So kennt man das seit dem ersten von Annette Pehnt geschriebenen und von Jutta Bauer illustrierten Bärbeiß-Buch, das im August 2013 erschienen ist. Und auch im nun erschienenen Folgeband mit dem Untertitel „Herrlich miese Tage“ hat sich an dieser Ausgangslage erfreulicherweise nichts geändert. In diesem Kinderbuch, das auch ohne jede Kenntnis des ersten funktioniert, dürfen wir den Bärbeiß und seine Nachbarn durch den Jahreslauf begleiten. Natürlich hat er an jeder Jahreszeit etwas auszusetzen. Nur mit dem Herbst kommt er einigermaßen klar, denn „der Herbst ist die Zeit im Jahr, wenn die schlechte Laune sich richtig wohlfühlt“.

          Die anderen sind bestimmt genau so

          Das Tingeli mit seiner unverwüstlichen Lebensfreude lässt den Bärbeiß jedoch selbst dann nicht in Ruhe vor sich hin grummeln, sondern überredet ihn, Drachen steigen zu lassen, und kümmert sich um ihn, als er krank ist. Ständig lässt das Tingeli sich etwas Neues einfallen, um sich und anderen eine gute Zeit zu bereiten. So unbekümmert, wie es sich über die Launen des Lebens und des Nachbarn hinwegsetzt, und so unermüdlich, wie es Anlässe für Spaß findet und Gelegenheiten für Geselligkeit schafft, erwirbt sich das Tingeli rasch unsere Zuneigung.

          Das nett anzusehende Wesen mit den bunten Haaren und Kleidern erinnert entfernt an eine Maus, ist aber eben ein Tingeli und als solches vermutlich einmalig. Missmutige, zottelige Bärenwesen wie den Bärbeiß hingegen meint man schon des Öfteren getroffen zu haben. Doch wie sich in dem kurzen Kapitel „Einsam“ herausstellt, ist auch der Bärbeiß womöglich der Einzige seiner Art. Weil er sich von niemandem sonst verstanden fühlt, macht er sich auf die Suche nach anderen Bärbeißen. Als sich auch nach minutenlangem Warten auf einer Bank keiner blicken lässt, ist er sich zunächst sicher: „Keiner will bei mir sein.“ Dann fällt ihm ein, dass sämtliche Bärbeiße wahrscheinlich so ticken wie er und anderen Leute aus dem Weg gehen. Erleichtert macht er sich auf den Heimweg und freut sich im Rahmen seiner Möglichkeiten darüber, allein in seinem alten Bett zu liegen - während von draußen die vertrauten Geräusche Timbuktus an sein Ohr dringen.

          Damit darüber gesprochen werden kann

          Es ist kaum auszuhalten, wie der Bärbeiß sich ständig im Weg steht und alle vor den Kopf stößt, die es gut mit ihm meinen. Man muss jedoch nicht besonders schwermütig veranlagt sein, um gleichzeitig Empathie für ihn zu empfinden: allein sein und doch nicht ausgeschlossen. Sich der eigenen Trägheit hingeben, aber nicht hängengelassen werden. Meckern, nölen, jammern, aber trotz allem uneingeschränkt geliebt werden. Wer - außer vielleicht dem Tingeli - kennt das nicht?

          Gerade Kinder werden häufig von widerstreitenden, manchmal heftigen Gefühlen überrollt und sehnen sich nach unbedingter Zuwendung. Meist fehlen ihnen mehr noch als den Erwachsenen die Worte, um zu artikulieren, was in ihnen vorgeht. Der Bärbeiß kann als Katalysator für die Ambivalenz der eigenen Empfindungen dienen, die für Kinder irritierend ist und ihnen bisweilen Angst macht. Die Figur spiegelt die eigenen hässlichen Seiten und inneren Widersprüche und macht sie so zu einem Gegenstand, über den gesprochen werden kann. Sich mit dem Bärbeiß zu identifizieren und vom Tingeli aufheitern zu lassen beruhigt Kinder ungemein: Wenn der Bärbeiß sich das alles erlauben kann, ohne dass das Tingeli sich in seiner Zuneigung beirren lässt - was kann man da den Eltern nicht alles zumuten!

          Ein Buch zum Wiedererkennen

          Pehnt findet einfache Worte für komplexe Gefühle, und Bauer zeichnet Figuren, die man so schnell nicht vergisst. So schaffen sie gemeinsam eine fremde und doch vertraute Welt, in der das Chaos der Gefühle ebenso zu Hause ist wie die Freude am Leben und die immer gleiche Abfolge von Tag und Nacht, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ausnahmezustand und Alltag machen die kleine Straße von Timbuktu zu einem Ort, der sowohl Heimeligkeit bereit hält als auch Abwechslung. Hier lässt es sich leben. So lässt es sich sein. Im Frühling wie im Herbst.

          Das Buch, das in zehn kurze Geschichten untergliedert ist und kaum eine Doppelseite ohne bunte Zeichnung enthält, eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch zum Selberlesen vom Grundschulalter an. Nicht nur Kindern in der Vorpubertät allerdings werden die sprachlich und zeichnerisch ausdrucksvollen Figuren und pointiert erzählten Geschichten gefallen. Auch manche erwachsene Leser werden sich oder den muffeligen Nachbarn mit den karierten Hosen und dem ungepflegten Garten im Bärbeiß wiedererkennen. „Der Bärbeiß“ ist daher mehr noch als andere Kinderbücher eins, mit dem man auch Erwachsenen eine Freude machen kann. Wenn sie das denn zulassen.

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