https://www.faz.net/-gr3-7ppy8

Anke Kuhls Bilderbuch „Höchste Zeit, Herold!“ : Aller harten Dinge sind dreizehn

Bild: Klett Kinderbuch

Super muss der Papa sein: Anke Kuhl lässt einen heroischen Vater zum Geburtstag seiner Tochter eilen. Auf dem Weg hat er etliche Prüfungen zu bestehen. Doch die schwerste droht zuletzt.

          In Herold steckt ein Held, zwei Buchstaben nur muss man dafür wegstreichen, und natürlich hat Anke Kuhl den Namen ihres Bilderbuchmannes ebenso bewusst gewählt wie dessen figurbetontes Ganzkörpertrikot mit Gesichtshalbmaske. Noch die jüngsten Leser von „Höchste Zeit, Herold!“ (und sowieso die ältesten, denen die Lektüre auch anzuraten ist) werden vom populären Bildervorrat unserer westlichen Kultur genug geprägt sein, damit sie den Superhelden in dieser Figur erkennen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Herold ist aber auch ein ganz normaler Papa. „Ganz normal“ nicht nur insofern, als dass er seiner Tochter Ursel zum Geburtstag ein tolles Geschenk machen möchte, sondern auch, weil dieser Papa zunächst einmal eine weite Strecke vor sich hat. Es wird im Text nicht ausgesprochen, aber man kann es aus der Karte von Herolds Weg zu Ursel entnehmen, die Anke Kuhl auf die Vorsatzpapiere ihres Bilderbuchs gezeichnet hat: Vater und Tochter wohnen nicht zusammen. Da dürfte einer, den Beruf oder was auch immer sonst von seiner Familie weggetrieben hat, einiges gutzumachen haben. Entsprechend große Mühe gibt sich Herold.

          Ist das Zufall?

          Dreizehn einfalls- und detailreich illustrierte Prüfungen hat er auf dem Weg zu bestehen, eine mehr noch als Herkules, und so ist das Superhelden-Outfit nur zu berechtigt. Obwohl ihm, was Herold gar nicht weiß, am Ziel seiner Reise noch eine letzte Herausforderung bevorsteht, bei der selbst die größten Körperkräfte nutzlos sind. Doch auch schon die eigentlichen dreizehn verlangen bisweilen eher die Kunst der Vermeidung als der Konfrontation. Und dass die Aufgaben nicht einmal alle heroisch sind, sondern auch mal das Abwischen von schaumverschmierten Zwiebeln bedeuten oder die geduldige Beantwortung von Reporterfragen, muss auch erwähnt sein. Dem Eifer bei ihrer Bewältigung tut das keinen Abbruch. Denn egal, wie es sich mit der Herausforderung auch verhält, immer geht es um Tempo, damit Herold nur ja noch rechtzeitig an Ursels Ehrentag ankommen kann: „Das Abenteuer Nummer vier / sind viele Rollen Klopapier / und alberne Personen. / Sie wollen gerne Mumien sein. / Da wickelt Herold sie halt ein. / Blitzschnell - muss man betonen.“

          Und damit haben wir neben den schönen Illustrationen das zweite wichtige Prinzip dieses Bilderbuchs: Anke Kuhl reimt, wenn sie erzählt, und zwar immer im selben Versschema (AABCCB, für die, die es noch nicht gemerkt haben), aber nicht stets im selben Silbenrhythmus. Manchmal holpert es: „Die Ursel bangt zu Hause sehr: / ,Kommt mein Papa wirklich her? / Er hat’s doch fest versprochen!‘ / Da springt die Tür ganz plötzlich auf / und Ursel stürzt sich auf ihn drauf. / Beim Drücken knacken Knochen.“ Schön zu lesen ist das dennoch und schön zu betrachten überdies, da es zu jeder Prüfung gleich eine doppelseitige Illustration gibt und zum Finale, das die eben zitierten Verse einleitet, gleich deren zwei und noch eine kleine, ganz besonders superheldentypisch gestaltete zum Schluss obendrauf. Manchmal nutzt Anke Kuhl diese großzügigen Arrangements auch zu kleinen comicartigen Sequenzen, und bei der achten Aufgabe wechselt das Buch vom Quer- ins Hochformat, um einen tiefen Sturz Herolds anschaulich zu machen (übrigens mit einer reizenden Nebenfigur am Rande, die für die Handlung völlig unbedeutend, fürs Amüsement des Betrachters aber höchst wirksam ist).

          Anke Kuhl ist als Illustratorin schon lange erfolgreich im Geschäft, aber dass „Höchste Zeit, Herold!“ nun nicht nur von ihr gezeichnet, sondern auch selbst geschrieben ist, muss deshalb besonders hervorgehoben werden. Die 1970 geborene Frankfurterin, die der kaum genug zu preisenden Illustratorengemeinschaft „Labor“ angehört und seit mehr als zehn Jahren Buch auf Buch in höchster Qualität herausbringt, erweist sich mit diesem jüngsten Werk auch als eine formidable Erzählerin, die zudem die Traditionslinie der gereimten Bildergeschichten Frankfurter Provenienz, wie wir sie Hans Traxler, F.K. Waechter oder Robert Gernhardt verdanken, fortsetzt, auch was den gehobenen Nonsens angeht: „Im Weg liegt jetzt ein Brocken / mit Beinchen und mit Socken. / Der ist unsagbar schwer. / Der Herold hebt ihn spielend an / und schleudert ihn, so weit er kann. / Da staunen alle sehr“. Und wie sie dabei diesen vielgliedrigen Brocken zeichnet, das schaut man sich am besten selbst an. Für den eigenen Namen kann sie ja nichts, aber ist es Zufall, dass Anke Kuhls Bücher sich so cool lesen?

          Topmeldungen

          Die Pubertät beginnt immer früher, heute oft schon im Alter von zehn Jahren.

          Konservierungsstoffe : Frühe Pubertät durch Pflegeprodukte?

          Die Pubertät beginnt heute im Durchschnitt sechs Jahre früher als vor 150 Jahren. Eine Langzeitstudie zeigt nun, dass die Nutzung von Pflegeprodukten durch Mütter und Töchter eine Erklärung sein könnte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.