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Andreas Steinhöfels „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ : Hier reift ein Poet in eigener Sache heran

Bild: Carlsen

Was aus dem Herzen kommt: Mit „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ beschert Andreas Steinhöfel seiner Trilogie ein fulminantes Finale.

          Eine güldne gute Tugend - lüge nie!“ Rico liebt diesen Satz nicht nur, weil er ein Vorwärts-rückwärts-Satz ist. Rico sagt, meistens jedenfalls, die Wahrheit. Erstens, weil er weiß, dass er allzu komplizierte Lügengespinste ohnehin nicht beherrschen könnte. Zweitens, weil er nichts leiden kann, das unehrlich ist. Womöglich, würde Rico mit einem seiner Lieblingsworte sagen, käme da noch jemand zu Schaden. Das würde Rico Angst machen - und in seinem Kopf würde es rumoren wie in einer Bingotrommel. Erwachsene nennen Ricos Zustand „Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung“. Rico nennt sich „tiefbegabt“ und hat natürlich recht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wer ihn kennt, seit er zuerst in „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (2008) in diesem besonderen Rico-Ton über sich, das Leben in der Berliner Dieffenbachstraße und seine Abenteuer erzählt hat, weiß das. Und kennt Ricos großes Herz. In Andreas Steinhöfels drittem und, so ist es angekündigt, letztem Band „Rico, Oskar und der Diebstahlstein“ erleben die Leser, wie auch Rico selbst sich dieser tiefen Begabung bewusst wird.

          Unterwegs allerdings müssen eine Leiche gefunden, ein Liebespaar vereint, eine Reise unternommen und vor allem der Diebstahl von Gustav Wilhelm Fitzkes Kalbstein aufgeklärt werden. Es ist ein Finale mit einem „sehr großen Glück“, das Steinhöfel seinem Rico gönnt - bisweilen steuert er dabei sogar auf eine Kitschklippe zu. Fast.

          Diesmal müssen sie streiten lernen

          Fitzke, das ist der Mann, der einst Ricos Fundnudel, die allererste seiner herrlichen Wortneuschöpfungen, einfach wegfraß. Fitzke, der einsame alte Zausel, glaubte bis zu seinem Tod, es sei ihm gelungen, einen Stein zum Kalben zu bringen. Ein Beschädigter war dieser Fitzke, wie es viele Figuren in Steinhöfels Kinderbuch-Universum sind. Steine auf dem Herzen haben diesmal besonders viele der Leute, von denen Rico, wieder in Form eines Tagebuchs, erzählt. „Herzgebreche“, der titelgebende Kummer des zweiten Bands, das „graue Gefühl“, wie Rico die Depression beschreibt, all das kommt im kindlichen Alltag vor. Steinhöfel findet dafür Bilder, die Kinder verstehen können und die Ältere faszinieren. Denen dürfte zuweilen der Atem stocken, bei Ricos Analysen von schwierigen Kindern, enttäuschten Erwachsenen und einsamen Herzen.

          Im Grunde erzählen Ricos Geschichten immer mehr von Freundschaft und Liebe und den Kurven, die das Leben nimmt, als von Abenteuern. Diesmal müssen der hochbegabte Oskar und der tiefbegabte Rico streiten lernen, Oskars Vater muss lernen, dass Eltern weder die besten Freunde noch die Konkurrenten ihrer Kinder sind. Und in Ricos so unglaublich komischen Lexikon-Kästchen gibt es extrem schwierige Wörter zu klären, „spartanisch“ oder „Para-Neujahr“. In den wundervollen Illustrationen von Peter Schössow, die den großzahnigen bommelmützigen Oskar und den großäugigen struwwelköpfigen Rico zeigen, sehen die beiden noch genauso aus wie im ersten Band. Rico aber kann mittlerweile nicht nur allein zum Supermarkt finden - er büxt mit Oskar sogar aus.

          Hoffentlich findet er wieder so eine Figur!

          Ricos Entwicklung gibt Steinhöfel, der vor genau 20 Jahren mit dem Geschichtenbuch „Dirk und ich“ seine Karriere als Kinderbuchautor begann, alle Gelegenheit, in Naturbeschreibungen zu schwelgen und Rico zu einem Poeten in eigener Sache reifen zu lassen. Auch wenn diesmal die Mischung aus Naivität und Tiefsinn deutlich die Grenzen dieser Fiktion zeigen, in die begeisterte Leser mit dem ersten Band eingewilligt haben: dass Rico, das tiefbegabte Kind, ein präziser, extrem beredter Erzähler ist. Rico entwächst seiner eigenen Erzählhaltung. Und man wünscht sich, dass Steinhöfel auch in einer anderen, neuen Konstellation eine Figur findet, die so wahrhaftig und zugleich humorvoll ist. Denn Ricos Schilderungen funkeln in einer Komik, gegen die der einzig wertvolle Stein in Fitzkes Sammlung ein blasses Etwas ist.

          So kann Rico ihn leichtherzig auf Fitzkes Grab legen und den Kalbstein auf das Herz des Toten. Mag sein, dass seine Mama ihn „Frederico“ genannt hat. Rico aber, das ahnt er am Ende, kommt vom italienischen „ricordare“ - was erinnern bedeutet oder vielmehr: „sich wieder zu Herzen geben“.

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