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„Alles lecker“ von Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl : Kuchenduft und Erbsenpups

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Bild: Klett Kinderbuch

Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl haben ein wunderbares Buch über eines der alltäglichsten Dinge der Welt geschaffen: über das Essen.

          3 Min.

          Phantasie ist ein heikles Geschäft. Eine Welt zu erschaffen, die zwar ausgedacht, aber so plausibel ist, dass der Leser sie sich vorstellen und sich in sie hineinversetzen kann, klingt so einfach und ist doch hohe Kunst. Leichter, sollte man meinen, ist es über Dinge zu schreiben, die uns tagtäglich umgeben: Man kann sie ansehen, beobachten, ihre Reaktionsweisen studieren, etwa jene der Tiere oder der Natur, des Waldes, des Meeres, der Gletscher im Gebirge. Es gibt viele Bücher für Kinder und Jugendliche, die genau das tun. Und es gibt ein paar wenige andere, die sich Phänomenen unseres Alltags zuwenden, die wir normalerweise, eben gerade weil sie uns so nah sind, als Studienobjekte einfach übersehen.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Autorin Alexandra Maxeiner und die Illustratorin Anke Kuhl haben sich einem solchen Thema schon vor ein paar Jahren zugewandt und mit ihrem Buch „Alles Familie“ gleich den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Das Werk trug den schönen Untertitel „Das Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten“. Also widmete es sich Familien in allen denkbaren Konstellationen: von normalen Vater-Mutter-zwei-Kinder-Familien über Patchwork- bis zu Großfamilien war alles dabei. Nun ist ein zweites Buch der beiden Frauen erschienen, es heißt „Alles lecker!“ und versucht für eine andere Sache zu sensibilisieren, die leicht aus dem Blick gerät: Es geht um Essen. Und weil der Untertitel wieder so schön ist, soll auch er in voller Länge zitiert werden: „Von Lieblingsspeisen, Ekelessen, Kuchendüften, Erbsenpupsen, Pausenbroten und anderen Köstlichkeiten.“

          Das einzige Lebewesen, das kocht

          Beide Bücher erinnern von Ferne an die sehr beliebte „Was ist was“-Reihe, von der sich bereits Generationen von Kindern die Welt erklären ließen. Doch die Bücher von Kuhl und Maxeiner sind weniger schulmeisterlich, ihr pädagogisches Ansinnen tritt weniger offen zutage, weil sich die beiden hier und da Grenzübertretungen ins Reich der Phantasie erlauben, die das Ganze auflockern, beleben und auch für kleinere Kinder zugänglich machen. Dass etwa der Mensch das einzige Lebewesen sei, das kocht, und dass wir dazu ein Bild sehen, auf dem ein grinsender Koch in seinen Töpfen rührt, während ihm ein paar Tiere, Pferd, Affe und Huhn, völlig ratlos zuschauen, ist eine schöne Idee. Aber auch dass Jule beim Essen immer krümelt und man auf dem Pausenhof nur ihrer Krümelspur folgen muss, um sie zu finden, ist eine kleine eigene Geschichte in der größeren Geschichte, die dieses Buch erzählt.

          Es beginnt, wenn man so will, bei Adam und Eva. „Alle essen“, heißt es zu Beginn lapidar, und erst nachdem Pflanzenfresser, Fleischfresser und Allesfresser aus dem Tierreich ausführlich vorgestellt wurden, landen wir beim Menschen. Was die Menschen essen, so lernen wir weiter, hängt indes davon ab, wo sie leben: Dass in Mexiko Stinkekäfer, in China Hunde und in Kambodscha tatsächlich Vogelspinnen auf dem Teller landen, sind Informationen, über die auch Erwachsene immer wieder ins Staunen geraten dürften. Von den Unterschieden, die sich allein bei der Zubereitung des Frühstücks auf der ganzen Welt zeigen, über die Frage, ob man lieber am Tisch sitzend und in Gesellschaft oder allein und im Auto isst, bis zur Lebensmittelknappheit in armen Ländern greifen Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner neben naheliegenden Themen auch solche auf, die sich nicht unbedingt aufdrängen.

          Ein Glücksgefühl

          Gerade bei denen lässt sich aber dieselbe Wachsamkeit für gesellschaftliche Veränderungen und den Wandel der Sitten erkennen, die schon ihr Buch über die Familie ausgezeichnet hat. Es gibt hier beispielsweise nicht mehr eine richtige Art, Essen zu sich zu nehmen - es gibt viele verschiedene, die, wenn überhaupt, nur mit dem Hauch einer Wertung versehen, vorgestellt werden: „Manche lieben es zu kochen“, heißt es da, und sehr lakonisch daneben: „Andere nicht.“ Die Zeichnungen dazu zeigen eine freundliche Familie beim Karottenschneiden und eine ebenso fröhlich blickende Dame, die vor der Mikrowelle steht und „Essen ist fertig!“ ruft. Gerade die Bilder von Anke Kuhl sind es, die an diesen Stellen immer wieder ein schönes Eigenleben führen und den Text nicht nur illustrieren, sondern eine zusätzliche, oft frohe Botschaft enthalten.

          Text und Bilder halten ohnehin eine gute Balance zwischen dem Ernst und der Sorgfalt, die das Thema Essen einerseits erfordert, und der höchst individuellen Gestaltungsmöglichkeiten, die es andererseits bietet. Wenn dazu noch kommt, dass auch Erwachsene sich erinnern dürfen an eine Zeit, in der sie im sommerlichen Freibad beim Geruch von Chlorwasser, Sonnencreme und Bratwurst ein „ganz sommerliches Glücksgefühl“ verspürten, dann ist eigentlich alles perfekt.

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