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Allan Stratton: „Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause“. Roman. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. Hanser Verlag, München 2020. 256 S., geb., 16,– €. Ab 12 J. Bild: Hanser Verlag

Jugendroman von Allan Stratton : Rhabarber? Kuchen!

Nur einer kann die Internierung der Großmutter in einer Pflegestation verhindern: In seinem Jugendroman „Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause“ erzählt Allan Stratton von Demenz und von zu vielen anderen Fragen.

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          Wunder gibt es immer wieder. Im normalen Leben womöglich nicht gerade an jeder Ecke. Im Buch für junge Leser ist das Wunder oder zumindest die glückliche Fügung aber eine wichtige Sache. Es könnte sein, dass auch das ein Grund ist, warum so viele der Neuerscheinungen auch von Erwachsenen so gern gelesen werden. Weil die Geschichten handfeste Probleme verhandeln, munter und mit viel Gefühl erzählt. Die Wunder ereignen sich am Ende in Alltags-Moll, aber mit Charme und nicht zu dreistem Witz.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Muster, dem auch „Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause“ folgt. Allerdings ist Allan Strattons Roman explizit für Jugendliche geschrieben, aus der Perspektive eines jungen Mädchens, das wirklich nicht viel zu lachen hat. Sie hat grässliche Eltern. Typen, die mit ihrem Leben überfordert, geduckt und gebeutelt sind und nicht Manns genug, das überhaupt zu sehen. Sie hat die ätzendste Cousine der Welt, ein Ausbund von Egozentrik, versiert in Mobbing bis hin zum Mordversuch, aber mit dem Gesicht eines Engels. Und weil die ganze Familie bigott und feige ist und noch dazu der Vorstellung anhängt, wer mehr Geld hat, besitze auch mehr Intelligenz und mehr Rechte, buttern Madis reiche Eltern die Verwandtschaft unter und Madi, das Biest, ihre Cousine Zoe. Und nicht einmal ihre Eltern halten zu ihr.

          So sind es nur zwei, die quasi klischee- und pathosfrei wie weiße Ritter durch die Erzählung reiten: Zoe und ihre Großmutter. Zoe hat viel trockenen Humor und behält auf eine bewundernswerte Art die Nerven. Man möchte sich das abschauen, mit welcher Chuzpe sie ihre Großmutter Grace aus dem Pflegeheim regelrecht klaut. Nicht weil das Roadmovie mit der Oma schon so schön drehbuchfertig erzählt ist. Sondern weil man gerne auch so wäre: bereit, jemandem ohne Vorbehalte zu helfen, von dessen Notlage und der Möglichkeit, sie zu beenden, man überzeugt ist.

          Bis sie sogar das geliebte Codewort vergisst

          Zoe, die uns ihre Geschichte erzählt, ist ganz und gar nicht pathetisch. Bisweilen das ganze Gegenteil. Man stelle sich ein junges Mädchen vor, das mit seiner dementen Großmutter quer durch Kanada fährt, ohne zu wissen, wo sie schlafen, wie es weitergehen soll. Weil der lange verschollene Onkel, Bruder des Vaters, ihrer Ansicht nach der Einzige sein könnte, der Graces Internierung in einer Demenzpflegestation verhindern kann. Denn wenn Zoe eines weiß, dann: Grace kann zu Hause leben. Jedenfalls wenn eine langmütige, von Zuneigung erfüllte Person wie die junge Zoe sich um Grace kümmert.

          So viel sei verraten: Es kommt dazu. Zoe ist an Graces Seite, bis die sogar das geliebte Codewort „Rharbarber? Kuchen!“ vergessen hat. Dass ein junges Mädchen ihre Großmutter bis zum Tod pflegt, ist eine ungewöhnliche Lage für einen Jugendroman. Nicht ungewöhnlich, wenn man das Setting durchlebt, das Stratton entwickelt. Der kanadische Autor, geboren 1951, war erst Schauspieler, dann ein auch international gespielter Dramatiker und hat schon etliche Jugendromane vorgelegt, die sich mit gesellschaftspolitischen Themen befassen; die beiden um die südafrikanische Aids-Waise Chanda sind verfilmt worden. Nun befasst sich Stratton mit Demenz, die eine ganze Familie verändert.

          In den Nebensträngen lauert das Klischee

          Ein Sujet, das in jüngster Zeit im Kinder- und Jugendbuch immer wieder verhandelt worden ist. Schon vor fast zehn Jahren hat Martin Baltscheit das Bilderbuch „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ vorgelegt, Tamara Bos hat mit „Romys Salon“ für Leser von neun Jahren an einen erfolgreichen Roman vorgelegt, der kurz vor dem ersten Corona-Lockdown verfilmt in die Kinos kam.

          Stratton schreibt für Jugendliche und junge Erwachsene, und er beschreibt detailreich, wie das so ist, wenn man sich um einen Menschen kümmert, der in zunehmender Geschwindigkeit die Kontrolle über seinen Verstand und seinen Körper verliert. Dass es hilft, die Komik in bisweilen extrem fordernden Alltagssituationen zu entdecken, lehrt Zoe uns beinahe beiläufig. Die wichtigste Lektion aber ist es wohl, die Zuneigung zu diesem sich so verändernden Menschen zu bewahren.

          Das erlebt Zoe und mit ihr die Leserschaft. Dass die Handlung nur so strotzt vor weiteren Herausforderungen, von Mobbing, prekären Lebenssituationen, erster Verliebtheit, Transsexualität, macht „Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause“, dem man einen weniger sperrigen Titel gewünscht hätte, zwar zu einem bunten Kosmos mit vielen dramatischen Wendungen. Gerade dort, in den Nebensträngen, aber lauert auch das Klischee. Glückliche Fügungen allerdings wie jene, dass komplett vernagelte Erwachsene einen Hauch von Einsicht und Empathie erlangen, kann man gar nicht oft genug lesen.

          Allan Stratton: „Zoe, Grace und der Weg zurück nach Hause“. Roman. Aus dem Englischen von Manuela Knetsch. Hanser Verlag, München 2020. 256 S., geb., 16,– €. Ab 12 J.

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