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Alina Bronskys Jugendbuch „Spiegelkind“ : Hinter der Leinwand geht es weiter

Bild: Arena

In „Spiegelkind“ wandert Alina Bronsky von Bild zu Bild, ohne sich zu verlieren. Sie macht es sich und den Figuren ihres Jugendbuchs nicht leicht. Gut so.

          3 Min.

          Als Alina Bronskys Debüt „Scherbenpark“ 2009 für den Jugendliteraturpreis nominiert wurde, obwohl der Roman bis dahin als ein Buch für Erwachsene verbreitet worden war, nährte diese Entscheidung eine Diskussion, die längst noch nicht an ihr Ende gekommen ist. Denn seit dreißigjährige Leser „Harry Potter“ und Stephenie Meyers Vampirromane für sich entdeckt haben, seit Verlage mit dem Label „All Age“ auf Kunden diesseits und jenseits der 18 zielen, ist die früher wenigstens im Handel hochgehaltene Grenze zwischen den Büchern für Jugendliche und denen für Erwachsene gefallen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Das könnte man ignorieren, sofern man sich nicht für Verkaufsstrategien interessiert. Allerdings fragt sich, ob mit dieser Nivellierung nicht auch eine ästhetische Dimension verbunden ist. Sind Erwachsene, die sich der „Twilight“-Serie in die Arme werfen, mit Thomas Mann überhaupt noch zu erreichen? Waren sie es je? Und sind Bücher, die wie „Scherbenpark“ oder zuletzt Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ mit großer Souveränität die Perspektive ihrer jungen Protagonisten zum Ausgangspunkt allen Erzählens machen, nicht per se und vor allem Jugendbücher, allen Etikettierungen der Verlage zum Trotz?

          Zwischen Vater und Mutter

          So gesehen ist Alina Bronskys Entscheidung, ihren neuesten Roman „Spiegelkind“ im Kinder- und Jugendbuchverlag Arena zu publizieren, nur konsequent. Sie schildert darin eine gegenüber unserer Gegenwart leicht verschobene Welt, in der sich das soziale Auseinanderdriften fortsetzt, der Einfluss staatlicher Institutionen gewachsen ist und gleichzeitig ein Moment des Phantastischen als spärlicher - und erbittert bekämpfter - Ausgleich gegenüber diesen Tendenzen fungiert: Im Fall der fünfzehnjährigen Juliane spielt hierfür das mütterliche Erbe eine Rolle. Denn während ihr Vater nach dem Verschwinden seiner Frau eine seltsam fragile Figur abgibt und offensichtlich eine Menge zu verbergen hat, erfährt Juli langsam und auf Umwegen, dass ihre Mutter eine jener geheimnisvollen „Pheen“ ist, ein Wesen, das unsterblich, besonders begabt und daher unter den übrigen Menschen verhasst ist.

          Juli lernt, dass die von ihrer Mutter gemalten Bilder, wo immer sie gerade hängen, verborgene Passagen öffnen, die von einem Werk zum anderen reichen, und dass der Raum dazwischen seine eigenen Gesetze hat. Sie macht durch, was Kinder eben durchmachen, deren Eltern sich trennen, und löst sich in einem schmerzhaften Prozess von dem ihr früher so nahen Vater. Und sie schließt Freundschaft mit einem aparten Mädchen, das der Teil ihrer Familie, der ihr nach dem Verschwinden der Mutter noch geblieben ist, unbedingt von ihr fernhalten will.

          Zwischen Leben und Tod

          Nicht alles ist neu in „Spiegelkind“: Dass etwa Protagonisten sich in gemalte Bilder begeben und dort eine Gegenwelt antreffen, ist ein literarisches Motiv mit ehrwürdiger Tradition. Was diesen Roman aber - er ist offenbar der erste Teil einer Trilogie - so besonders macht, ist das Vermögen der Autorin, Julis Perspektive gleichzeitig überzeugend aufzubauen und als fragwürdig erscheinen zu lassen. Kaum etwas, das die Erzählerin am Anfang für gegeben hält, überdauert die dreihundert Seiten des Romans. Und der Leser, der zu Beginn das eine oder andere Klischee wittert, sieht sich bald eines Besseren belehrt, nicht zuletzt im Fall von Julis Vater, der streckenweise als Abziehbild eines Karrieristen erscheint und im Licht der letzten Seiten völlig neue Konturen erhält.

          Vor allem aber lotet der Roman aus, in welcher Weise eine Existenz durch die Erfahrung, beinahe oder sogar tatsächlich gestorben zu sein, eingefärbt wird. Sie findet dafür das schöne Bild eines heilenden Tiers, das den angeschlagenen menschlichen Körper besetzt und im Weiterleben unterstützt, was für den Betreffenden nicht ohne Folgen bleibt, die wiederum, je nach Tier, sehr unterschiedlich ausfallen können. Damit schließt Alina Bronsky etwa an Joanne K. Rowling oder Cornelia Funke an, die jeweils im letzten Band der „Harry Potter“- oder „Tintenwelt“-Serie ihre Helden kurzzeitig zwischen Tod und Leben pendeln ließen. Nur dass die Protagonisten in „Spiegelkind“ von dieser Erfahrung sehr viel mehr geprägt sind - und dass der Zustand länger anhält.

          Wie sich die Sache nach dem furiosen Auftakt weiterentwickelt, wird man sehen. Dass es die Autorin sich und ihren Figuren nicht leichtmacht, dass sie einfache Wege vermeidet, Erwartungen enttäuscht und trotzdem ein ausgesprochen geschlossenes Werk erschafft, wird man ihr hoch anrechnen. Vor allem aber erweist sich die Frage der Etikettierung hierbei als verzichtbar: Jugendliche werden an „Spiegelkind“ ihre Freude haben. Und Erwachsene die Lektüre zumindest nicht bereuen.

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