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Alex Wheatle: „Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann“. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Verlag Antje Kunstmann, München 2019. 280 S., geb., 18,- Euro. Ab 14 J. Bild: Verlag Antje Kunstmann

Alex Wheatles neues Jugendbuch : Sicher, dass ihr kein Frühstück wollt, fragt der Gangster

Aus dem Problembezirk: In seinem neuen Jugendroman „Wer braucht ein Herz ...“ verleiht Alex Wheatle einer stachligen Fünfzehnjährigen eine unverwechselbare Stimme.

          Sie haben sich beide nichts geschenkt: Vor zwei Wochen erst hat Lloyd, der neue Freund von Mos Mutter, der schlafenden Fünfzehnjährigen eine reingehauen, dass sie schier aus dem Bett gefallen ist. Sie hatte aber auch in der Nacht auf sein geliebtes Real-Madrid-Trikot gepinkelt und es vor die Schlafzimmertür geworfen. Weil er sich einfach aus dem Kühlschrank genommen hatte, was sie sich doch vom Frühstück aufgehoben hatte, von Sam, der unter ihnen wohnt, extra für sie gekocht. Mos Mutter hatte es Lloyd sogar gegeben.

          Wenn die jugendlichen Leser von Alex Wheatles Roman „Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann“ diese Anekdote voller Wut und Verzweiflung im zweiten Kapitel aus der Nacherzählung erfahren, haben sie die beiden Feinde schon in Aktion erlebt - und die Mutter in bezeichnender Haltung: zusammengerollt im Schlafzimmer auf dem Bett, als könnte sie sich in Embryonalstellung der Überforderung ihrer Welt entziehen. Während in der Küche Mo und Lloyd diesmal wegen fünf Pfund aneinandergeraten, eigentlich Mos Essensgeld für die Schule, mit dem Lloyd sich jetzt um einen Job kümmern will. Sie tritt ihn gegen das Bein und in die Leistengegend, er krallt sich in ihre Arme, stößt sie schließlich von sich - und der atemlose Leser steht gleich auf den ersten Seiten vor einer Frage, die ihm im Jugendbuch üblicherweise erspart bleibt: Wie um Himmels willen er diese Heldin mögen können soll. Bestürzung, Sorge, Mitgefühl, das alles wird er dieser Furie gegenüber spüren, die ihn mit unglaublichem Druck in ihre Geschichte reißt. Aber Identifikation? Fehlanzeige.

          Man darf Mo einfach nicht zu nahe kommen, nicht als Leser, nicht als Mutter, nicht als Lehrer, nicht als Polizistin: Sofort macht das Mädchen zu. Oder es kämpft, als ginge es um sein Leben. Und das tut es in gewisser Weise auch. Wo sie sich eigentlich geschützt und geborgen fühlen können müsste, kann Mo nicht sicher sein. Sie konnte es noch nie. Doch mit Lloyd ist es im dritten, dem bislang dunkelsten Jugendbuch, in dem Alex Wheatle, englischer Schriftsteller mit jamaikanischen Wurzeln, aus dem erfundenen Problembezirk Crongton erzählt, nur noch schlimmer geworden.

          Sie wollen Blut sehen

          Gerade einmal ihre beiden Freundinnen Naomi und Elaine erträgt Mo in ihrer Nähe - und natürlich Sam, zu dem die Nähe, wenn es nach Mo ginge, gern sogar noch größer werden könnte, vom guten Freund seit Kindheitstagen dorthin zurück, wo sie im Sommer schon einmal für wenige Wochen waren und wo Mo gern für immer wäre. Die Fragen, was Mos Mutter an Lloyd findet, ob er sie tatsächlich nur ausnutzt, wie die Jugendliche glaubt, welches Trauma die Frau derart in die Klemme bringt und ob Mo der leise in ihr wachsenden Bereitschaft nachgeben kann, Lloyd vielleicht doch eine Chance zu geben, lässt Wheatle geschickt im Schwung seiner Erzählung anklingen. Der Leser hat sich schon auf ein ebenso packendes wie bewegendes Buch über eine Spirale häuslicher Gewalt eingestellt, als Elaine und Naomi in Barringtons Hollywood Diner erzählen, was Naomi ihrerseits von diesem zwielichtigen, aber auch ziemlich anziehenden Linval gehört hat: Lloyd hatte nicht etwa wegen Einbruchs gesessen, sondern wegen Beihilfe. Fünf Jahre.

          Als Marshall Lee, einer der Bandengrößen aus dem südlichen Teil Crongtons, vor dem „Four Aces“ abgestochen worden war, hatte er den Fluchtwagen der North Crong Gs gefahren. Nur Lloyd war damals auf den Überwachungsaufnahmen zu erkennen, dem Bandenboss Sean O’Shea haben sie nichts nachweisen können. Aber die Leute aus dem Süden haben es ihm auch nicht vergessen. Sie sinnen auf Rache, Linval hängt mit drin. Und ehe sie sich’s versehen, hängen auch Naomi, Elaine und Mo mit drin, aus den verschiedensten Gründen und in einer schieren Zwangsläufigkeit, mit der Alex Wheatle seine Leser überrascht.

          Schlecht für Mo

          Wenn der 56 Jahre alte Londoner beschreibt, wie fürsorglich und fair die Gang mit den drei Mädchen umgeht, wie familiär sich ein Frühstück bei den Brüdern anfühlt und wie naheliegend ihre blutigen Pläne nach kurzer Zeit zu wirken beginnen, glaubt man ihm sofort: Nach Jahren im Kinderheim hat Wheatle seine Jugend im Londoner Stadtteil Brixton verbracht. Mit achtzehn hat er sich am Widerstand gegen die wachsende Zahl an polizeilichen Durchsuchungen und Verhaftungen vorrangig schwarzer Bewohner beteiligt. „Drei Tage lang stand Brixton in Flammen“, erzählt er heute. Sechs Monate lang saß Wheatle danach im Gefängnis, wo er zum Lesen fand und darüber zum Schreiben. Aus seiner Kindheit und Jugend, aber auch durch seine spätere Arbeit mit Jugendlichen in Schwierigkeiten weiß er um die Anfälligkeit für ein Weltbild aus Zugehörigkeit und Schutz auf der einen und Gewaltbereitschaft und Feindschaft auf der anderen Seite, wie es in den Gangs entworfen wird.

          Mit welcher Wärme Alex Wheatle von den familiären Momenten bei Elaine und bei Sam zu Hause erzählt, wo es auch nicht viel mehr gibt als bei Mo, aber Erwachsene mit Haltung und Herz, das ist ein kleines Wunder. Welche Stimme er dabei für seine Erzählerin gefunden hat, ist ein großes: Für die Explosivität und Liebesbedürftigkeit, die Verzweiflung und Straßenschläue dieses fünfzehn Jahre alten weißen Mädchens findet er einen Ton und einen Rhythmus, der seine Leser bei ihr hält, auch wenn die Ausraster des Teenagers sie befremden mögen. Die Frechheit und Freiheit der Sprache Jugendlicher hat Conny Lösch ins Deutsche übertragen, ohne ins Anbiedernde abzurutschen. Lediglich auf die unvermeidlich unbeholfen wirkende Übersetzung der Rap-Zeilen, mit denen sich die South Crong Bangers auf ihren Rachefeldzug einstimmen, hätte das Lektorat besser verzichten sollen.

          Es sieht schlecht aus für Mo, gleich zu Beginn des Buchs, und es wird nicht besser, als sie tiefer in die Gewalt gezogen wird und ihre Freunde mitreißt. Am Ende hätte es einen von ihnen fast das Leben gekostet. Es ist dieser Umstand, der sie innehalten lässt und ihr die Kraft gibt, einen schweren Schritt zu tun: den Schritt hinaus.

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